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Die „hildensaga“ am Münchner Volkstheater: Auf zur Abrissparty nach Worms

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus der „hildensaga. ein königinnendrama“ am Münchner Volkstheater.
Ein spielfreudiges Ensemble um Henriette Nagel (3. v. re.) als Brünhild: die „hildensaga“ am Münchner Volkstheater. © Arno Declair

Im Juli 2022 wurde „hildensaga. ein königinnendrama“ bei den Nibelungenfestspielen in Worms uraufgeführt. Jetzt zeigt das Münchner Volkstheater das Stück des österreichischen Schriftstellers Ferdinand Schmalz.

Wer hat’s erfunden? Rio Reiser, Norbert Krause und die Ton Steine Scherben waren es jedenfalls nicht. „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ – das galt bereits viel früher. In seiner Um- und Neudichtung der Nibelungen-Sage befreit der österreichische Schriftsteller Ferdinand Schmalz Brünhild und ihre Schwägerin Kriemhild von den bislang zugeschriebenen Rollenmustern – und lässt sie als Abbruchunternehmerinnen in eigener Sache ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. „wir können es uns heut nicht leisten, nicht dafür zu kämpfen“, heißt es einmal in der von Schmalz gern genutzten Kleinschreibung: Spätestens nach der Vergewaltigung Brünhilds durch den mittels Tarnkappe geschützten Siegfried ziehen die Schwestern im Geiste gemeinsam durch den Mythos. Pussy Riot! Mehr Selbstermächtigung geht nicht.

Die Premiere von „hildensaga“ am Volkstheater wurde heftig beklatscht

„hildensaga“ hat der 37-jährige Bachmann-Preisträger sein sprachverliebtes, wortmächtiges, wunderbar rhythmisiertes „königinnendrama“ genannt, das heuer im Juli bei den Nibelungenfestspielen in Worms uraufgeführt wurde. Jetzt hat Christina Tscharyiski das Stück mit einem bestens aufgelegten Ensemble am Münchner Volkstheater eingerichtet. Am Freitag (2. Dezember 2022) hatte der heftig und lang beklatschte Abend Premiere.

Vor allem der erste Teil der zweieinhalb Stunden langen Inszenierung überzeugt: Sarah Sassen hat die Bühne 1 des Hauses leer geräumt, ein weißer Prospekt kündet von den eisigen Weiten Islands, wo Wotan und seine Tochter Brünhild herrschen. Welke Lindenblätter verweisen auf Siegfrieds wunden Punkt; kaum merklich hebt und senkt sich zudem der Boden. „es ist ein umbruch im gange“, stellt Brünhild fest. „mir bricht der boden weg unter den füßen.“ Nicht nur ihr.

Tscharyiski inszenierte den Auftakt ohne Firlefanz, konzentriert auf den Text und im Vertrauen auf ihre Schauspielerinnen und Schauspieler. Zu Recht. Im Zentrum steht Henriette Nagel, die in dieser Spielzeit bereits im Emanzipations-Erguss „Pussy Sludge“ beeindruckte. Sie zeigt Brünhild als lässige Braut, insgeheim permanent auf der Suche nach ihrer Bestimmung, ihrem Platz im Leben. Der ist jedenfalls nicht in Worms, wo alles so dunkel und eng ist wie die Gedanken und Herzen der Männerwelt. Wer obendrein Gunther und seine Gustls sieht, ist zweifach bedient: Julian Gutmann, Max Poerting, Alexandros Koutsoulis und Vincent Sauer spielen sie als Monty Pythons aus dem Glockenbach; Kostümbildnerin Svenja Gassen hat die Heldlein in Strumpfhosen herrlich ausstaffiert. Das Unterlaufen des Bilds vom Heroen zieht sich sehr komisch durch den Abend, selbst Siegfried ist nicht sakrosankt: Jonathan Müller hat zwar vorab gewissenhaft seinen Heldenkörper gestählt – muss sich dann aber doch die blonde Perücke von der Souffleuse reichen lassen. Mit der stets starken Nina Steils als Kriemhild hat Nagel später eine wunderbare Partnerin für Brünhilds Rachefeldzug.

Nach der Pause fällt die „hildensaga“ am Volkstheater ab

Dieses wüste Splatter-Spektakel aber zeigt Tscharyiski nach einer unnötigen Pause. Ausgerechnet der zweite Teil verliert an Spannung und Stringenz – auch, weil die Regisseurin den Vernichtungszug der Frauen via Schwarz-Weiß-Video aufs Bühnenrund projiziert. Ein (Grusel-)Effekt, der sich rasch erschöpft. Ordentlich mehr Wumms hätten dagegen die Sound- und Geräuschcollagen verdient, die Cornelia Pazmandi ihrem Synthesizer und Rechner entlockt. Sie begleiten das Geschehen sehr viel wirkungsvoller, als dies die Bilder der Live-Kamera tun. Pazmandi ist zudem eine der Schicksalsfäden webenden, im Chor sprechenden Nornen, mit deren Hilfe Brünhild und Kriemhild das ihre ändern. Dazu brauche es „nur ein bisschen Druck“, sagt Kriemhild an einer Stelle. Das jedoch gilt nicht nur in der „hildensaga“.
(Noch mehr Theater? Lesen Sie hier unsere Kritik zum „Käthchen von Heilbronn“ am Münchner Residenztheater sowie zu „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ am Münchner Volkstheater.)

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