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Muhammedanische Meisterwerke im Haus der Kunst

München - Im Jahre 1910 war es die Kulturtat Münchens schlechthin, die „Meisterwerke muhammedanischer Kunst" zum 100-jährigen Wiesnjubiläum zu zeigen. 3600 Objekte wurden seinerzeit auf der Theresienhöhe präsentiert - damals die größte Ausstellung, die jemals den islamischen Kulturkreis thematisiert hat.

Heute würde in der Luft zerrissen werden, wer mit solch einem pauschalen Titel die künstlerische Vielfalt mehrerer Länder in einen politisch unkorrekten Topf zu werfen versucht.

Das Münchner Haus der Kunst hat es getan - und damit einen trotzdem Volltreffer gelandet: Der provokante Titel regte Künstler, Designer und Architekten aus der arabischen Welt an, aktuelle Meisterwerke zu liefern. Eine Explosion von Humor, hochrangigen Diskursen, kritischen Tönen, vor allem aber einer unglaublichen Ästhetik verleitet den Besucher heute, wie einst 1,3 Millionen auf der Theresienhöhe, dem Reiz der Exotik zu verfallen. Damals wurde der Stellenwert der arabischen Kunst erstmals definiert, heute geht es um „Die Zukunft der Tradition - die Tradition der Zukunft“.

Einst stolzierten befrackte Herren unter der Aufsicht eines Pickelhauben-Trägers fünf Monate lang durch das Ausstellungsareal. Heute werden statt Kinematographen Videos gezeigt, statt Luftschiffe geistige Höhenflüge präsentiert. Im Zentrum der Ausstellung stehen immer noch 30 der 300 frühen Meisterwerke - nun allerdings neu arrangiert. Aber wie! Riesige Deckenbanner von Rachid Koraichi lassen den Geist der islamischen Mystiker durch die Schau wehen. Ornament und Kalligraphie, schwarz auf elfenbein, inszenieren „Die unsichtbaren Meister“. Von Samir El Kordy stammt das irdische Pendant dazu für die alte und neue Kunst: Schwarze Netzvorhänge ziehen grafische Leitbahnen durch den Saal, zitieren Architektur und Zeltbau und geben den Exponaten eine völlig neue Dimension.

In den zehn Seitenkabinetten sind weitere Foren untergebracht für alte und neue Brennpunkte der Kunstdiskussion, für Einzelkünstler oder Institutionen wie die Khatt Foundation für Arabische Typographie. Hier demonstriert ein Plexiglas-Vorhang hundert Arten, Nein zu sagen. Die Geschichten, die die Malerin Tala Madani in Strichmännchen-Filmen erzählt, sind boshafter: Noten speiende Männer sowie Herren, die ihre Konversation nur so herauswürgen. So viel also zu Männerklischees in der arabischen Welt… Andere Rollenbilder werden auch in Filmen wie „Shirin“ von Abbas Kiarostami unter die Lupe genommen, wo das persische Romeo-und-Julia-Epos, eine Dreiecksgeschichte eines Herrschers, nur noch auf den Gesichtern der Zuschauerinnen reflektiert wird.

Bei diesem Themenspektrum darf natürlich auch ein sozio-politischer Ansatz nicht fehlen. Liebevoller als Wafa Houranio kann man den nicht gestalten: Ein Stadtviertel aus Papier mit Antennenhäusern hat er gebaut. „Qualandia“ ist nicht nur der Name eines palästinensischen Flüchtlingslagers, sondern auch der Name für einen besonders schikanösen Checkpoint zwischen Israel und dem Westjordanland. Ein riesiger Spiegel an der Grenze soll künftig nicht nur zur Selbstreflexion aufrufen, sondern augenzwinkernd auch das Land vergrößern. Diesen Ansatz, Fantasie, Vergangenheit und Zukunft zu mischen, findet man ebenfalls in den Stadt-Modellen von Dubai, Kairo oder Damaskus.

Und vor allem bei Walid Raad. Der Libanese stellt die Künstler seines Landes als kaum sichtbare Schriftlinie dar und ist sich sicher, dass sich Linien und Farben in Kriegszeiten verstecken, um danach, teils maskiert, wieder zu erscheinen. Raad befasst sich mit Fragen der Geschichte, der Massenmedien und der künstlerischen Darstellung der arabischen Welt. Museumsprojekte werden dabei von ihm suggestiv in Frage gestellt. Sollte ihm das nicht gelingen, so will er einfach Kulturminister werden, wie er ironisch mitteilt. Und sollte auch das nicht erfolgreich sein, so gibt es im Haus der Kunst ein immenses Potenzial an ebenso kritischen wie aufgeschlossenen Künstlern, die das Amt zweifellos sofort übernehmen könnten.

Von Freia Oliv

Bis 9. Januar,

Mo. bis So. 10 bis 20 Uhr, Do. bis 22 Uhr; Katalog: 39,95 Euro; Tel. 089/ 21 12 71 13.

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