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„Jeden Tag sind wir Kinder, die an die Tür des Publikums klopfen und sagen: ,Kommt, spielt mit uns!‘“, kommentiert Floriana Frassetto ihre spezielle Theaterform; hier eine Mummenschanz-Szene.

Interview mit Mummenschanz

„Bin ich bereit, mich zu verstecken?“

München - Sie reden nicht, verzichten auf Musik und Bühnendekor: Im September wird das Schweizer Maskentheater Mummenschanz im Deutschen Theater auftreten. Unsere Zeitung sprach mit zwei Mitgliedern.

Das Schweizer Figuren- und Maskentheater Mummenschanz hat eine eigene Kunstform geschaffen, die Elemente der Pantomime, des Ausdruckstanzes und der Commedia dell’Arte hat. Heuer wird die Formation 40 Jahre alt – und tritt im September im Deutschen Theater auf. Wir trafen zwei von ihnen, Gründungsmitglied Floriana Frassetto (61) und Neumitglied Philipp Egli (45), im Zürcher Theater 11, wo die Virtuosen der Stille am Abend zuvor gespielt hatten: Klopapier weinende Figuren, Gesichter aus rosafarbener und hellblauer Ballonseide, die nicht zueinander finden, weil die Luft raus ist – im wahrsten Sinne des Wortes.

Frau Frassetto, haben Sie sich in einem Casting für Philipp Egli entschieden?

Frassetto: Ich hatte einen Traum von zwei Eiern auf der Bühne. Das eine ist umgekippt, das andere hat sofort die Balance gefunden und eine Pirouette gedreht. Aus dem ist Philipp herausgesprungen.

Egli: Wir kannten uns ja schon aus St. Gallen, wo ich eine Tanzkompanie geleitet habe. Floriana kam oft, die Stücke zu sehen. Als sie mich gefragt hat, ob ich zu Mummenschanz kommen will, habe ich lange überlegt. Bin ich bereit, mich zu verstecken? Jetzt empfinde ich die Masken als Befreiung, sie sind ein gewisser Schutz. Aber ich habe auch überlegt, ob ich das überhaupt kann. Ich habe dafür keine Ausbildung. Floriana dagegen hat der Traum gereicht.

Frau Frassetto, Sie studierten Schauspiel in Rom. Wie kamen Sie zur Pantomime?

Frassetto: Ich habe Ende der Sechzigerjahre ein Stück von Beckett gespielt. Mein Lehrer hat das nicht verstanden, er sah ich eher in der Commedia dell’Arte. Er sagte immer: „Warum spielst du nicht die Colombina?“, und ich habe gekontert: „Nein, ich spüre Beckett!“ Dann habe ich den Schweizer Roy Bosier kennengelernt, der mit Marcel Marceau studiert hat.

Anfang der Siebzigerjahre hängten Sie die Pantomime an den Nagel, um mit zwei unbekannten Schweizer Clowns aufzutreten, woraus dann Mummenschanz entstand. Warum?

Frassetto: Die Pantomime war sehr schön, sehr poetisch. Aber wir haben einen anderen Weg zum Publikum gesucht. Ich wollte riskant sein, improvisieren. Und ich hatte genug davon, Glocken zu läuten, die nicht da sind. Ich habe mich mehr als Clown gefühlt, wollte auf einmal doch Commedia dell’Arte machen. Bernie Schürch und Andres Bossard, die sich „Avant et Perdu“ nannten, habe ich in Paris kennengelernt. Sie haben mich die Technik des Maskenspiels gelehrt. Zusammen haben wir etwas Neues entwickelt, die große Dimension des Spiels. Vielleicht können wir jetzt auch wieder etwas Neues entwickeln. Aber das dauert.

Wie reagierte das Publikum auf Ihre Kunst?

Frassetto: Wir traten in einem kleinen Pariser Kabaretttheater mit 35 Plätzen auf. In der Regel war es zu einem Viertel leer. Auch in der Schweiz wollte uns niemand. Die Leute haben gefragt: „Was macht ihr da für eigenartige Sachen? Das ist kein Tanz, kein Theater.“ Doch als uns ein Agent an den Broadway brachte, ging es bergauf. Wir spielten drei Monate, dann noch einmal drei Monate und drei Jahre später waren wir immer noch dort.

Ging es Ihnen bei der Entwicklung einer neuen Darstellungsform um Subversion, um Anarchie?

Frassetto: Nein, in erster Linie sind wir keine intellektuelle Truppe, wollten nie ein politisches Spiel machen. Unser Hauptanliegen war die Schwierigkeit der Kommunikation. Die wollten wir überwinden. Uns ging es darum, eine universale Sprache zu entwickeln. Kommunikation ist nach wie vor das Problem, das macht uns heute noch immer universell.

Egli: Wir folgen keinen Trends. Wir sind zeitlos, nicht zeitgenössisch.

Wie wichtig ist Körperbeherrschung bei Mummenschanz?

Egli: Anders als beim Tanz, wo man den Körper zeigt, stellt man bei Mummenschanz den Körper in den Dienst der Figur. Das ist anstrengender, als man denkt, aber man muss dafür kein Tänzer sein. Man muss keinen Salto können, aber wenn einer einen Salto kann, kann man damit eine Figur entwickeln.

Stört es Sie gar nicht, als Schauspieler, der vom Applaus lebt, hinter der Maske zu verschwinden, nicht gesehen und erkannt zu werden?

Frassetto: Natürlich ist es für einen Schauspieler schwierig, nicht erkannt zu werden. Nachdem wir am Broadway so erfolgreich waren, hatten wir ja zeitweise vier Truppen. Zwei spielten am Broadway, eine war auf Welttournee, die andere in Europa. Ein paar von uns hatten tatsächlich eine Krise. Deshalb haben wir dann wieder komplett selber gespielt. Aber wir leben auch vom Applaus des Moments.

Egli: Mir reicht es, die Figur richtig rübergebracht zu haben. Der Applaus für die Figur ist mein Applaus. Und es ist doch auch schön, dass es ein Geheimnis bleibt, wer hinter der Figur steckt.

Wissen Sie eigentlich, wie das aussieht, was Sie auf der Bühne machen? Sie können sich doch gar nicht sehen, wenn Sie in den Masken stecken?

Egli: Die Unmittelbarkeit geht natürlich verloren. Wir sehen auf der Mattscheibe, was live war.

Frassetto: Wir setzen uns regelmäßig zusammen und schauen uns die Figuren auf Video an. Da sind auch die Beleuchter dabei. So können wir unser Spiel bewerten.

Woher nehmen Sie die Inspiration für Ihre Masken?

Frassetto: Wir sind wie Bildhauer, was das Material anbelangt: Du musst das Material spüren. Einmal war ich in Zürich spazieren und habe Kinder gesehen, die einen zeppelinartigen Drachen hatten. Die Langsamkeit des Materials hat mir gefallen. Ich habe gefragt, wo sie den Zeppelin gekauft haben, das Material besorgt und daraus dann Masken genäht.

Können Erwachsene bei Mummenschanz ihre kindliche Seite ausleben?

Frassetto: Total! Jeden Tag sind wir Kinder, die an die Tür des Publikums klopfen und sagen: „Kommt, spielt mit uns!“

Das Gespräch führte Bettina Stuhlweißenburg

Mummenschanz gastiert vom 4. bis zum 8. September im Deutschen Theater in München. Karten unter 089/ 55 23 44 44

 

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