Munterer Weltabgesang

- "So", beschied er knapp, nachdem sich das Grummeln gelegt hatte, "mein Name ist Wouter Hoekstra, ich bin der neue Intendant". Erleichterung allseits - also kein Krankheitsbotschafter. Und sogleich gute Laune ob der uneitlen, sympathischen Vorstellung des Holländers, der zum ersten Konzert nach der Sommerpause dem Publikum im Gasteig eine spannende Spielzeit wünschte.

<P>Die Münchner Philharmoniker wären ja dürftige Dramaturgen, würden sie gleich zum Auftakt klotzen. Denn steigerungsfähig, das zeigte dieser Abend, ist die Saison durchaus: Gastdirigent Mikko Franck, dem Orchester gut bekannt und nun "schon" Mitte zwanzig, lieferte nämlich eine merkwürdig unausgegorene Vorstellung. Wobei Tschaikowskys symphonisches Schwerblut eine heikle Wahl ist: Wo andere bei der "Pathetique" düstere Seelengemälde pinseln, belässt es Franck bei recht pauschaler Munterkeit.<BR><BR>Die durchwegs zügigen Tempi wären im Grunde akzeptabel, doch Franck schaffte es kaum, stringente Steigerungen zu entwickeln. Der erste Satz zum Beispiel wirkte verhuscht, wie ins Metrum eingezwängt; viel zu laut und pointenlos begann das Allegro molto vivace, um dann in brachiales Marschieren zu münden. Und auch das Finale, Tschaikowskys autobiografischer Weltabgesang, wirkte geheimnislos, wie entzaubert.<BR><BR>Ein Problem ist vielleicht der unruhige Dirigierstil des Finnen, durch den sich Ausdrucksökonomie kaum herstellen lässt. Dabei saß auf dem Podium ein Orchester, das wie kaum ein zweites in Klangverläufe und emotionale Untiefen eintauchen kann. Doch die große Kunst der Philharmoniker, sie schien in dieser Aufführung wenig gefragt.<BR><BR>Ähnliches passierte in Bartó´ks zweitem Violinkonzert. Franck verstand es weniger als raffiniertes Konstrukt, sondern als Virtuosen-Vehikel. Was Solistin Leila Josefowicz mit energisch-markantem Spiel und süffigem Ton ausnutzte. Virtuos war das, reißerisch, aber auch inhaltsarm, wie von Effekt zu Effekt gehangelt. Dass Mikko Franck zu Großem imstande ist, war also zu ahnen, weniger zu hören - ein Jammer, würde er im Stadium des viel versprechenden Talents stecken bleiben.</P><P> </P>

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