Museen: Nachfolger und Fehlbesetzungen

München - Kultusminister Ludwig Spaenle ist derzeit ein Geprügelter. Bei den Museen könnte der Minister aber Meriten einheimsen. Aber ein – sich verfestigendes – Gerücht zeigt schon das erste Problem.

Dass man sich als Politiker angenehm in den warmen Strahlen der Kunst sonnen kann, nutzten Spaenles Vorgänger immer wieder. Ebenso übrigens Finanzminister wie Kurt Faltlhauser oder jetzt Markus Söder (alle CSU). Spaenle sei ebenfalls der Kunst-Sonne zugewandt, ist aus der Szene zu vernehmen. Natürlich hat er es schwerer. Nicht nur, weil er jetzt wieder ein Mega-Ministerium (Kunst plus Kultus) schaukeln muss, sondern weil viele Museen – von Politikern gern genommen als Denkmäler für sich selbst – bereits gebaut sind. Das geplante Geschichts-Haus in Regensburg hat sich Seehofer halt schon als Denkmal reserviert.

So bleiben für den geplagten Kunst-Kultusminister bloß zwei Gordische Knoten, verknäult aus mehr oder weniger berechtigten Kunst-Wünschen, Finanzvorbehalten und regionalen Zickereien nach dem Motto: Nicht schon wieder in München bauen! Spaenle könnte Alexander dem Großen also nur halbwegs das Wasser reichen, wenn er den zweiten Bauabschnitt der Pinakothek der Moderne für die Graphische Sammlung deutlich vor dem Sankt-Nimmerleinstag realisieren würde (erster Knoten) und wenn er einen Lösungsansatz für einen neuen Konzertsaal finden könnte. Was nur geht, wenn alle Beteiligten befriedet werden (zweiter Knoten).

Näher am Alltag und deswegen nicht so spektakulär wie Neubauten, doch eigentlich noch wichtiger ist die Besetzungspolitik. Das Ministerium muss für Bayerns bedeutendste Museen den Generationenwechsel vollziehen. Die Entscheidungen werden für die nächsten Jahre, ja Jahrzehnte prägend sein. Das werden die Besucher der Dauer- und Wechselausstellungen am meisten spüren. Denn ein Chef, ob für Bühnen oder Institutionen der Bildenden Kunst, kann ein solches Haus ins Koma langweilen – oder Wunder an Inspiration bewirken. Diese Wunder sind – leider – lebensnotwendig, denn die Museen sind personell schlecht ausgestattet und haben nur einen Mini-Mini-Ankaufs- und Ausstellungsetat. Ein Direktor muss infolgedessen den Willen zur Selbstausbeutung bei sich und seinen Mitarbeitern durch seine Begeisterung beflügeln können.

Ludwig Spaenle könnte sich durch die Berufung solcher Wundertiere nachhaltig Meriten erwerben: Die größte Nummer ist die Generaldirektion der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Klaus Schrenk erreicht im Sommer das Pensionsalter. Für diese Position braucht es den allumfassenden Überblick, da die Persönlichkeit zuständig ist für Alte und Neue Pinakothek, für die Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne (PDM), für die Schack-Galerie und weitere zwölf Museen in ganz Bayern. Ein zweites Haus mit Welt-Renommee ist gerade ohne Chef, das Design-Museum, genannt Die Neue Sammlung, in der PDM und in Nürnberg. Wer hier bei der Neubesetzung einen Fehler macht, könnte den Ruf des Museums und Bayerns in diesem Bereich verspielen. Auch Renate Eikelmann vom Bayerischen Nationalmuseum, einer vielfältigen und wunderbaren Schatzkammer, nähert sich der Altersgrenze. Und Michael Semff von der Staatlichen Graphischen Sammlung, eine der herausragendsten ihrer Art, tut das im kommenden Jahr.

Nun ist es ja nicht leicht, in Menschen hineinzusehen, um das dringend gesuchte Museums-Wunderwesen zu entdecken. Deswegen ist guter Rat das A und O. Den gerade ausgeschiedenen Design-Direktor Florian Hufnagl hat der Minister jedoch nicht befragt. Dafür haben, wie berichtet, die „Nürnberger Nachrichten“ erfahren, dass Angelika Nollert Hufnagls Nachfolgerin werden soll. Das Ministerium will das bis kommenden Dienstag weder dementieren noch bestätigen. Das grell leuchtende Problem besteht indes nicht darin, sondern in dem Umstand, dass jene Direktorin des Neuen Museums Nürnberg (NMN) gar nicht vom Design kommt. 2013 erst hatte Nollert sich in München für den Chefposten am Lenbachhaus beworben. Im NMN verantwortet sie ausschließlich den Bereich Kunst. Ihr fehlen Design-Wissen, Erfahrung, Vernetzung. Eine bedrohliche Situation, schließlich ist die Neue Sammlung kein Freizeitboot, sondern ein hochraffiniertes Schiff auf den Weltmeeren. Kurzum: Solch eine Personalentscheidung ist ein Vabanque- und Zitterspiel.

Reibungslos verliefen bei Spaenles Vorgänger die Wechsel in der Archäologischen Staatssammlung (Rupert Gebhard), im Völkerkundemuseum (Christine Stelzig), Architekturmuseum der Technischen Universität (Andres Lepik) und im Museum Brandhorst (Achim Hochdörfer). Wobei die beiden Letzten einen Sonderstatus haben. Hier half die TU, dort der Sammler mit Sachverstand. Vor allem Gebhard und Lepik bewiesen bereits, dass sie so kluge, lehrreiche wie populäre Ausstellungen ins Rennen zu schicken vermögen – und äußere Widrigkeiten geschickt abfangen. Stelzig lenkte ihren schwerfälligen Dampfer in die Richtung einer aufgeklärten Ethnologie, hat aber noch Mühe, so manchen der alteingesessenen Kollegen mitzuziehen. Feuerchen unterm Hintern kann man bei starren Leuten mit Beamtenstatus nicht erfolgreich anfachen. Die müssen schon wollen. Und fast alle wollen – sonst wären Bayerns Museen und Sammlungen längst vom Sumpf der Mittelmäßigkeit verschlungen worden.

Ausgerechnet ein Nicht-Beamter und einer mit klingendem Namen lässt das Haus der Kunst in so ein Sumpfloch rutschen: Okwui Enwezor. Mit Freude und Vorschusslorbeeren wurde der ehemalige Documenta-Leiter 2011 in München empfangen. Hat aber die Erwartungen enttäuscht. Er interessiert sich kaum für das Umfeld München/Bayern und wenig für ein spannendes Ausstellungskonzept. Ein Gefühl für die hiesigen Besucherbedürfnisse hat er sich gar nicht erst zugelegt. Die Schau 2012 zum Münchner Musikverlag ECM (Edition of Contemporary Music) war ein Magentratzerl – und das nur für Fans. Natürlich muss man im Haus der Kunst nicht einen Kassenknüller nach dem anderen auffahren, man sollte allerdings das Publikum nicht links liegen lassen. Außerdem: Enwezor lässt regelmäßig in der Szene relativ bekannte Künstler zeigen – er kuratiert kaum selbst –, wagt also keine Neuentdeckungen. Wäre er darin ein Visionär, könnte man minimale Besucherzahlen verschmerzen. Aber für gut Abgehangenes? Der Vollständigkeit halber soll betont werden: In Bayern sind populäre, teure Ausstellungen kaum zu realisieren wie etwa der Besuch des New Yorker Museums of Modern Art in Berlin. Die Staatsregierung weigert sich nämlich, im Gegensatz zu allen anderen Bundesländern, eine Bürgschaft für die nötigen Versicherungssummen zu übernehmen.

Enwezor ist all das weniger anzulasten. Er ist der Typ Wissenschaftler mit feiner analytischer Spürnase, die Sinnlichkeit eines Kunstliebhabers und Ausstellungsmachers hat er nicht. Das hätten die Zuständigen im Ministerium wissen können: nicht nur durch die eher spröde und unentschlossen wirkende Documenta 11 (2002), sondern auch durch die historisierende Ausstellung „The Short Century: Unabhängigkeits- und Befreiungsbewegungen in Afrika 1945-1994“ in der Münchner Villa Stuck. Das Haus-der-Kunst-Problem hätte sich jetzt von selbst lösen können, da Enwezor die Biennale in Venedig 2015 konzipiert. Der Politologe möchte beide Posten behalten. Das Ministerium bestätigte das auf Anfrage unserer Zeitung. Unverständlich, dass Spaenle so etwas akzeptiert.

Fehlbesetzungen muss Ludwig Spaenle verhindern. Bayern mag wirtschaftlich stark sein, entscheidend für seine Identität und die Weltgeltung ist Kunst inklusive Design und Architektur. Sie ist Nahrungsmittel für Lebensqualität, Demokratie und Wirtschaft. Ausstellungshallen und Museen bewahren, fördern, inspirieren Kunst – wie Theater, Orchester und Oper, Verlage und (zum Teil) Filmförderung. Einige von ihnen mögen gelegentlich klingende Namen brauchen, bei Museumschefs und Ausstellungskuratoren ist das nicht nötig. Sie müssen fachlich kompetent sein und Kunst, Kultur und die Künstler zum Klingen bringen. Für die Besucher.

Simone Dattenberger

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