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Im Raum „Kunst-Handwerk“ wird anhand von 700 Exponaten der Umgang mit Materialien von Holz bis Metall anschaulich gemacht. Der Medientisch in der Mitte gibt weitere Infos.

Das Erlebnis zählt

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Das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst München konnte jetzt endlich die Abteilung „Kunst-Handwerk“ eröffnen

München - „Das gibt’s doch nicht!“, ist die Regung, die der Besucher des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst München ab jetzt ganz häufig haben wird. Bietet das unterirdische Haus an der Gabelsbergerstraße ohnehin schon allerhand Überraschungen, kommen nun noch größere hinzu. Und die sind meistens klein. Das Besondere muss nicht unbedingt monumental sein. Das lehrt endlich die gestern von Kunstminister Ludwig Spaenle eröffnete Abteilung „Kunst-Handwerk“. Aus finanziellen Gründen konnte sie bisher nicht realisiert werden – ebenso wie die Sparte „Chronologie“. Auf die warten wir immer noch. Spaenle reagierte zwar humorvoll auf die „Mahnung“ von Chefin Sylvia Schoske, legte sich aber nicht fest. In Wahlkampfzeiten müsste da doch was gehen...

„Kunst-Handwerk“ füllt eine massive Lücke, denn ohne diese Beispiele und Erläuterungen versteht man vieles nicht vom Können der alten Ägypter, von ihrer Technik, ihrem Geschick, von Fremden zu lernen und das weiterzuentwickeln. Da sich die Institution als Kunstmuseum verstehe, wie der stellvertretende Direktor Arnulf Schlüter bei seiner Einführung erklärte, setze man auch bei der neuen Abteilung auf „das besondere Erlebnis“. Jenes erwähnte „Das gibt’s doch nicht!“ bestätigt das. Und dabei geht es nicht nur um Glitzer-Dinge. Es kann einen durchaus ein Leinenstück zum Staunen bringen – wenn es 5000 Jahre alt ist und vor uns liegt, als wäre es vor 100 Jahren gewebt worden. Genauso überraschen die übrigens ausgesprochen feschen, aus Binsen geflochtenen Sandalen, die „nur“ gut 3000 Jahre auf der Sohle haben, oder die Elfenbein-Verzierungen, die allerfeinst wie von Elfenhand gemacht scheinen.

Dass der Betrachter ein unvergessliches Erlebnis hat, dafür sorgt wie im gesamten Museum das Gestalterteam „Die Werft“. Mit dezentem Geschmack und dennoch mit Lust an der Inszenierung hat es einen Raum in den Museumsraum platziert. Der „Laden“ hat außen kleine Schaufenster für die exzeptionellen Stücke. Wer hineingeht, bekommt innen ebenfalls Schönes geboten. Zugleich wird mit 700 Objekten vieles deutlich erklärt. Dass die Ägypter die Steinmetze zum Beispiel mit Modellen versorgten: So hat der Pharao X auszusehen, so die Fassade Y. Wir erfahren, dass Fayence – ja, das herrliche Blau – kostbar war. Es gab nicht nur reizenden Nippes – alle lieben das Nilpferd –, sondern auch Fliesen, die zum Beispiel im herrschaftlichen Haus den geflochtenen Wandbehang nachahmten. Fayence galt darüber hinaus als unvergänglich und war deswegen für die Altägypter ideal, weil sich ihr Dasein intensiv aufs Jenseits ausrichtete.

Die Abteilung „Kunst-Handwerk“ prunkt mit den Schätzen des Ägyptischen Museums, etwa mit dem Glaskelch des Tutmosis III., und wurde außerdem mit bedeutenden Leihgaben – darunter die Sandalen – angereichert. Die Spanne der Artefakte reicht von putzigen Opfertieren bis zu Wandteilen und, was die Zeit betrifft, von der Frühzeit mit einem bezaubernden Gefäß aus Kalzit mit Vogelrelief (3000 v. Chr.) bis zu einem ausgefallenen Alabastron-Glas aus dem 1. Jh. n. Chr. Gegliedert sind die Werke nach den Materialgruppen Ton/ Keramik, Stein, Metall, Glas/ Fayence und organische Stoffe wie Holz, Papyrus/ Schilf/ Binsen, Leinen, Wachs, Leder und Elfenbein. Vieles war praktisch und alltagstauglich wie die schlichten Tonschalen. Vieles war mit der Religion verknüpft (Grabbeigaben). Vieles war der Ausschmückung gewidmet. Und oft ist Humor dabei: ein Krug als herziges Nilpferd, die Klappern, die als Arme und Hände geschnitzt sind und dann „klatschen“, oder der saugrantige Gott Bes, der sich um Kosmetik kümmern muss. Weniger Lustiges findet sich ebenso unter den Exponaten. Da sind die Waffen aus Kupfer und Brandstempel, mit denen Kriegsgefangene gebrandmarkt wurden.

Nachdem die Museumspädagogen schon sehnlichst auf „Kunst-Handwerk“ gewartet haben, ist der Medientisch in der Mitte des „Ladens“ mehr als Spielerei. Legt man beispielsweise den Ring „Holz“ auf den Bildschirm, bekommt man Informationen, wo im Land am Nil mit diesem Rohstoff gewerkelt wurde – und wie. Zum Glück für uns haben die Ägypter fast alle Vorgänge gezeichnet und gemalt.

Informationen

Geöffnet: Di. 10 bis 20 Uhr,
Mi. bis So. 10 bis 18 Uhr;

Eintritt: 7 / 5 Euro, So. 1 Euro,
Kinder unter 18 Jahre frei;

Adresse: Gabelsbergerstraße 35; 089/ 28 92 76 30;
Weiteres: www.smaek.de.

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