Optische Charmebolzen

Ausstellung von Andy Warhol in München

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München - Das Museum Brandhorst zeigt in "Yes!Yes!Yes! Warholmania in Munich" den kompletten Bestand von Andy Warhol.

Die eigene Warhol-Manie verhüllt ein seriöses Institut wie das Münchner Museum Brandhorst normalerweise. Seinen neben Cy Twombly zweiten Hausheiligen hat es stets – ganz ohne seelisch affektierte Momente – in den Reigen anderer Künstler eingebettet. Unter dem neuen Chef Achim Hochdörfer mit erfreulich frechen Ausrufungszeichen. Deswegen ist die Dauerausstellung namens „Dark Pop“ im Parterre auch fast die bessere Schau über den Meister aus New York. Schon der vogelwilde Alles-über-Andys-Werk-Raum, der so ganz und gar „unordentlich“ gehängt ist, gibt einen so wirbeligen wie guten Œuvre-Überblick. Die Töne, die dort angeschlagen werden, erklingen dann gleichfalls im Untergeschoss. Dort ist jetzt die große Sonderpräsentation „Yes!Yes!Yes! Warholmania in Munich“ zu sehen.

Hineingeschubst in die Manie wurde das Museum von Filmfest-Direktorin Diana Iljine und Katja Eichinger. Erstere wollte mit Zweiterer wieder ein Projekt durchziehen – und Eichinger, die gerade den Warhol-Freund Glenn O’Brien kennengelernt hatte, schlug ein Programm mit Filmen des vielseitigen Andy vor. Gleichzeitig animierte sie Hochdörfer, bei „Warholmania“ mitzumachen, zumal sein Haus weltweit zu den bedeutendsten Warhol-„Besitzern“ gehört. Nur vier Leihgaben ergänzen die Vorstellung des kompletten Brandhorst-Bestandes an Arbeiten von Andy Warhol (1928–1987).

Acht TV-Schirme mit schrillen Typen

Film und Fernsehen gibt es ebenfalls. Acht TV-Schirme lassen schrille Typen, schöne Menschen oder sogar mal Andy im Garten-Gespräch mit einer gesitteten Hausfrau hinterm Glas flimmern. Im großen Mediensaal läuft „Lupe“ (1965), eine Hommage an die mexikanische Schauspielerin Lupe Vélez, die Selbstmord begangen hatte. Edie Sedgwick, eine Muse aus dem „Factory“-Clan von Andy Warhol, spielte die unglückliche Frau. Kinoexperimentator Warhol „klebte“ zwei Filme nebeneinander.

Da werden zum Beispiel muntere Szenen mit elegischen kombiniert: Lupe mit Friseur beim Plaudern – Lupe, aufgebrezelt als Empire-Elflein, einsam beim Essen in einem schlossartig einrichteten Zimmer. Beim Filmfest (24.6.–4.7.) wird sehr viel mehr zu entdecken sein. O’Brien kuratierte das Programm. Die Werke kamen vom Warhol-Museum Pittsburgh. Los geht es am 26. Juni mit Porträts rund um The Velvet Underground. Edie wird unter anderen extra gewürdigt (30.6.), genauso wie der erfolgreichste Streifen „Chelsea Girls“ (1.7.). Um die Filme, die von Warhol inspiriert wurden, hat sich Katja Eichinger gekümmert. Da versammeln sich von Sofia Coppola über Ulli Lommel bis David Fincher so manch interessante Namen.

Andy Warhol in seiner ganzen Vielfalt erleben

Im Brandhorst-Museum fasziniert der bildende Künstler Andy Warhol, zumal er in seiner Vielfalt zu erleben ist. Ein goldenes Profil (1958) ist noch unwarholisch, aber das rote Selbstporträt knallt uns den „typischen“ Pop-Artisten entgegen. Werbung, Zeitungs-, Starfotos, Künstlerporträts, Symbole, Einmaliges der Kunstgeschichte werden durch die Siebdruck-Maschine der „Factory“ geschleust. Dennoch wird selten etwas platt verwurstet. Immer sieht man den klugen, gebildeten, humorvollen Geist Warhols respektvoll walten. Sicher, „Marilyn“ ist verkaufsträchtig. Vergessen wird dabei nie ihre Tragödie – und noch weniger das lustvolle und doch sehr bewusste Spiel mit Farben, und sei es noch so gewagt. Der „Maler“ in Warhol wollte immer wieder heraus aus der Selbstkasteiung durch den Siebdruck. Das spannungsvolle Wechselspiel wird dem Betrachter in dieser Ausstellung besonders anschaulich gemacht. Wohl weil wir nun alle ungegenständlichen „Gemälde“ im Überblick auf uns wirken lassen können.

Auch das eigene Experimentieren wird bespöttelt

Die militärische Herkunft der Camouflage ist sicherlich noch „lesbar“. Indes: Je länger wir hinschauen, umso mehr wird sie entweder zum bunten Lichtgeflimmer auf einem See oder eben zu abstrahierten Mustern, die potenziell in die Unendlichkeit weisen. Bei den „Shadow“-Arbeiten genießt Warhol das Zitieren von gestischer Malerei, formuliert brillant – machmal fast wörtlich zu nehmen, denn er setzt Glasstaub ein – die ästhetische Kraft und geheimnisvolle Magie des Ungegenständlichen. Und bei den „Piss-Paintings“ wird das eigene Experimentieren bespöttelt – und die Tropfenmalerei des Abstrakten Expressionismus.

Besonders schön an der Schau inklusive „Dark Pop“ sind die gewitzten und visuell eleganten Bezüge, die immer wieder hergestellt werden; und die luftigen Collagen aus bedruckter Folie und Farbpapieren. Ob Totenschädel, Mick Jagger oder Dragqueens, allesamt sind sie richtige optische Charmebolzen.

Die Ausstellung

Bis 18. Oktober, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, Theresienstraße 35A; Filme: www.filmfest-muenchen.de/warholmania

Simone Dattenberger

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