Museum Brandhorst: Bayerns neues Kunst-Gehäuse

München - Die Bauphase ist abgeschlossen. Gestern Vormittag wurde im Beisein von Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein und Kunst-Minister Thomas Goppel das Gebäude des Münchner Museums Brandhorst der Presse vorgestellt. Eingeweiht wird das Haus für die Sammlung Udo und Anette Brandhorst voraussichtlich im Februar 2009.

Die Landtagswahl steht an. Das merkt man schon an der hundertprozentigen Frequenz des Trachten-Janker-Tragens bei Politikern. So gewandet präsentierten Beckstein und Goppel der medialen Öffentlichkeit stolz Bayerns neues Kunst-Gehäuse, eine "Einrichtung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen", wie es offiziell heißt. De facto hat aber die Brandhorst-Stiftung das Sagen, respektive der verwitwete Udo Brandhorst (69). Man berief denn auch nicht aus den Reihen der Pinakotheken-Konservatoren den Sammlungsleiter und Stiftungs-Geschäftsführer. Den Posten erhielt stattdessen Armin Zweite (67), Ex-Museumschef aus Düsseldorf.

1999 hatte Carla Schulz-Hoffmann von den Staatsgemäldesammlungen die Schätze des Ehepaars Brandhorst für den Freistaat an Land gezogen. Es handelt sich dabei nicht nur um ein Konvolut (über 700 Werke) von Joseph Beuys bis Bruce Nauman, von Pablo Picasso bis Joan Miró mit Schwerpunkten auf Cy Twombly, Andy Warhol und Sigmar Polke, sondern auch um ein Stiftungsvermögen von rund 120 Millionen Euro. Der Staat hingegen hat die rund 48 Millionen Euro Baukosten übernommen, wobei er nur im vorgegebenen Budget bleiben konnte, weil Brandhorst erneut half, wie Goppel schmunzelnd anmerkte. Ministerpräsident Beckstein unterstrich - wie jeder seiner Vorgänger -, dass Bayern ein Kulturstaat sei und wurde in einem Punkt konkret. Er sprach ausdrücklich vom (noch fehlenden und fast vergessenen) zweiten Bauabschnitt der Pinakothek der Moderne - und sei hiermit beim Wort genommen.

Seit vielen Monaten schon konnte man von der Türken- und Theresienstraße aus beobachten, wie der Längsriegel (132 Meter) des Brandhorst-Museums wuchs. Was es aus der Umgebung hervorhebt, sind die Farben. Geplant war eine Glashaut, die wegen des Lärmschutzes von 36 000 Keramik-Längsstäben (gut einen Meter hoch und vier Zentimeter breit und tief) in 23 Farben ersetzt wurde. Mit diesem fein changierenden Farbspiel - im Sockelgeschoss dunkle Töne auf dunklem Lochblech-Grund, oben helle - hat das Werk des Berliner Architekturbüros "sauerbruch hutton" natürlich das "Gschau". Laura Hutton und Matthias Sauerbruch hatten Ende 2002 nur mit Mühe den Wettbewerb gewonnen (Baubeginn Oktober 2005). Mehrmals tagte die Jury, mehrmals kam es zum Stimmen-Patt. Zu viele waren von Zaha Hadids schnittigem Entwurf fasziniert. Letztlich entschied Brandhorst - für die weniger gewagte Architektur, von der man annahm, sie brächte die Kunstwerke besser zur Geltung.

Das Baumeister-Team hatte nur ein Schlauch-Grundstück entlang der Türkenstraße in Nachbarschaft zur Pinakothek der Moderne (PDM) zur Verfügung. Durfte auch nicht bis an die Straße bauen, weil die Akazien-Allee erhalten werden sollte. Akzentuiert hat man den Längsbau neben den Farben durch einen breiteren, höheren Kopfbau an der Kreuzung Türken-/Theresienstraße, der das Foyer mit Laden und Café, Garderobe im Untergeschoss und oben mit dem mächtigen Twombly-Saal enthält. Der ist ein teils gequetschtes, teils abgeflachtes Oval, das jetzt enttäuscht, aber hoffentlich durch den dafür vorgesehenen "Lepanto-Zyklus" doch noch auftrumpft. Alle Säle sind in Weiß gehalten und haben Eichenböden. Das Holz findet sich schon im Eingangsbereich neben weißen und dunkelroten Wänden sowie hellgrauem Kunststeinboden, sodass hier eine etwas ruhelose Atmosphäre entsteht. Nach wie vor ist die Entscheidung falsch, dass dieser Eingang nicht zur PDM, sondern zum Universitäts-Viertel schaut. Nur ein Aufenthaltsraum am "Po" des Museums Brandhorst blickt mit einem Panoramafenster auf die PDM und die Schmalseite der Alten Pinakothek.

Schön sind im hallenriesigen Treppenhaus die freischwingenden, nicht an den Wänden verankerten Treppen-Bahnen. Unverständlicherweise konterkarieren die Architekten diese Leichtigkeit durch voluminös bauchige Geländer, die eine viel zu massive Körperlichkeit ausstrahlen. Insgesamt jedoch macht dieser Trakt einen repräsentativen Eindruck, zumal das Licht frei fließt.

Das wollen Hutton und Sauerbruch für das gesamte Gebäude. Trickreich leiten sie deswegen Tageslicht nach innen. Zum Beispiel sieht der Besucher außen an dem Fensterband ausgestellte Glasplatten. Sie lenken per Prismen-Beschichtung die Helligkeit nach innen auf eine nach unten gekrümmte Decke. Unter der hängen weiße, breite Lamellen. Auf diese Weise wird das Tageslicht (bis 100 000 Lux; Lux ist die Messgröße für Licht) auf kunstverträgliche 300 Lux abgeschwächt. Im Keller hat man außerdem einen Saal seitlich versetzt, sodass das Licht durch ebenerdige Glasplatten hereinfällt. Man darf gespannt sein, wie dieses herrliche Tageslicht-Konzept auf die Kunstwerke wirkt.

Ökologisch ist diese Strategie obendrein, denn Museen verbrauchen viel Energie durch Kunstlicht. Die spart man auch durch eine Heizung, die mit einer Grundwasserpumpe (hohe Wassertemperatur in München) arbeitet. Wasserführende Röhren in Boden und Wänden sorgen darüber hinaus für gutes Klima, gesteuert von winzigen Sensoren für Licht und Wärme. In den Wänden sitzt auch die Sicherheit. Platten, die elektromagnetisch reagieren, lösen Kamera und stillen Alarm aus.

All die technischen Raffinessen sind unsichtbar. Überhaupt sind die Säle und Kabinette (3200 Quadratmeter) zurückgenommen gestaltet, sie sollen sich der Kunst unterordnen. Einzige "Abweichung": Die Türausschnitte wurden nicht auf einer Achse angeordnet, sie sind zueinander versetzt. Auch da muss man auf die Hängung warten, um zu einem aussagekräftigen Urteil kommen zu können. Aufs Ganze gesehen hat Bayern einen gelungenen Museumsneubau mit kleinen Schwächen bekommen. Im Februar hat er seinen endgültigen Auftritt.

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