Museumsdiener und Geburtshelfer

- "Man sitzt da und spielt, und die Leute hören sich das immer noch an." Die Verwunderung darüber kann nicht sein Ernst sein. Aber wahrscheinlich ist's auch nur das Understatement eines zutiefst Beglückten, der in den Münchner Kammerspielen den Ernst von Siemens-Musikpreis, den "Nobelpreis der Musik" entgegennahm.

<P>Alfred Brendel in der Rolle des (Dankes-)Redners zu erleben: welch Seltenheit. Zumal doch der große Künstler in zahlreichen Essays und Gedichten bewiesen hat, dass er mehr als nur begnadeter Pianist ist, sondern auch ein ab- und hintergründiger Autor sein kann.</P><P>Und dass die mit 150 000 Euro dotierte Auszeichnung ihn erst im vorgerückten Alter erreicht, darüber wurde in den zweieinhalb Feierstunden auch ausgiebig gegrübelt. Gemessen an allen anderen Siemens-Preisträgern macht nämlich Alfred Brendel keine Ausnahme: Jeder ist davon überzeugt, gerade er habe doch die Ehrung verdient - und man wundert sich zugleich darüber, warum der fürstliche Scheck nicht schon längst übergeben wurde.</P><P>Neben Brendel wurden die Komponisten Enno Poppe (Deutschland), Fabien Lé´vy (Frankreich) und Johannes Maria Staud (Österreich) mit Förderpreisen geehrt, wobei Staud zurzeit in München besonders aktiv ist: Seine Oper "Berenice" ist im Rahmen der Münchener Biennale uraufgeführt worden.</P><P>In seiner kurzen Ansprache gab Brendel Auskunft über sein Selbstverständnis als Interpret. Er betrachte sich als "Museumsdiener, Testamentsvollstrecker und Geburtshelfer". Als einer, der nicht bewusst verblüffen und "gegen alle vernünftige Erwartungen" verstoßen wolle - denn: "Das Meisterwerk sollte gleichsam für sich selbst sprechen."</P><P>Dass sich die von Brendel gewählten Meisterwerke "nur" auf die Komponistenriege Schubert, Beethoven, Mozart, Haydn, Schumann und Liszt beschränken, bemerkte auch Laudator Michael Krüger, als Chef des Hanser Verlages eine Art Arbeitgeber Brendels. Krüger warb eindringlich für den Kanon klassischer Kunst, den die Gegenwart zwar noch habe, aber nicht mehr besitze. Wenn diese Kunst Sinn haben solle, "dann nur, wenn die Fundamente bekannt sind". Sie müsse daher "durch Wiederholung ihrer besten Stücke ein Teil unseres Gedächtnisses bleiben".</P><P>Krüger stellte sich auch die scheinbar so simple Frage, mit was ein Pianist eigentlich spiele (Mit den Fingern? Dem Herzen? Dem Verstand? Dem Eros?), würdigte Alfred Brendel als Interpret, dem "die Verwandlung vom Rohen zum Schönen" gelinge - und zählte launig einige von Brendels Fehlern auf: "Du hast überwältigend viele gute Seiten. Du kannst aber nicht einmal Autofahren, nicht einmal Reger spielen." Wobei Letzteres indes, wie der Laudator durchscheinen ließ, nicht unbedingt ein Fehler sein müsse.</P>

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