Winrich Hopp entwickelt seit einem Jahr als Chef das Konzept der musica viva. Foto: Heike Steinweg

musica viva: Mit Fingerspitzengefühl

München - Leiter Winrich Hopp spricht im Merkur-Interview über das Besondere an musica viva, die Pläne für die kommende Saison und Musikerneugier.

„Als ich das Hochaltarbild in der St. Michaelskirche sah, war mir klar, dass Stockhausens ‚Samstag aus Licht‘ hierher gehört.“ Winrich Hopp, seit einem Jahr Leiter der musica viva, freut sich, den Münchnern in seiner zweiten Saison einen Tag aus Karlheinz Stockhausens Opern-Zyklus „Licht“ präsentieren zu können. Vom 26. Juni bis zum 1. Juli 2013 werden die vier Szenen des „Samstag“ gleich mehrmals aufgeführt. An drei Orten: In der Muffathalle, im Herkulessaal und in St. Michael. „München hat viele Möglichkeiten, der neuen Musik einen repräsentativen Rahmen zu geben. Mit dem Stockhausen-Projekt, das in zeitlicher Nähe zu den Opernfestspielen stattfindet, liefert die musica viva sozusagen eine Gegenschwingung, einen Kommentar zum Wagner-Jahr.“

Winrich Hopp ist kein München-Neuling: Schon von 1997 bis 2002 wirkte der Musikwissenschaftler als Dramaturg im Team des damaligen musica-viva-Leiters, Udo Zimmermann. Nach dessen Abschied im Jahr 2010 fragte der Bayerische Rundfunk bei Hopp an, ob er den Posten übernehmen wolle. „Außerdem wurde ich auch vom Symphonieorchester gefragt, worüber ich mich sehr gefreut habe. Insofern habe ich mich zunächst auch mit den Fragen des Orchesters beschäftigt. Die musica viva übernehmen, heißt für mich, mit dem Orchester zusammenzuarbeiten.“ Hopp weiß, wie eng die vor 60 Jahren von dem Münchner Komponisten Karl Amadeus Hartmann ins Leben gerufene musica viva mit dem BR-Symphonieorchester verwachsen ist. „Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zählt zu den ersten Orchestern weltweit und hat sich als einziges unter diesen einer solchen Reihe für Neue Musik verschrieben.“ Eine Besonderheit, die für Winrich Hopp in seiner Konzeption und Planung immer mitschwingt.

Für ihn ist es wichtig, zu wissen, wo das Orchester hin will, welche Werke die Musiker spielen und mit welchen Komponisten und Solisten sie zusammenarbeiten möchten. „Denn bei jedem Konzert sitzen am Ende sie auf der Bühne.“ Natürlich bedenkt er auch, dass die renommierte Reihe, die nach dem Zweiten Weltkrieg der Neuen und verfemten Musik Gehör verschaffen sollte, ein wichtiges Forum für Komponisten ist. Für Komponisten, die diesem Orchester, seinem Renommee und seinem Charakter etwas bieten und abverlangen können. Wer von der musica viva einen Kompositionsauftrag erhält, muss eine gewisse Erfahrung in der Arbeit mit einem großen Orchester mitbringen, „sonst werden beide unglücklich“, betont Hopp.

Er schwärmt geradezu von der großen Bereitschaft der Musiker, sich von Komponisten herausfordern zu lassen. „Helmut Lachenmann hat zum Beispiel einen Auftrag der musica viva, ein Werk für acht Hörner und Orchester zu schreiben. Schon im Vorfeld wünschten sich die acht Hornisten des Orchesters unbedingt, Lachenmann kennenzulernen und mit ihm zu arbeiten. Das Stück ist noch gar nicht fertig, aber Komponist und Musiker sind schon im gemeinsamen Austausch. Das ist etwas sehr Fruchtbares“, freut sich Hopp.

Auch bei der Auswahl der Gastdirigenten und Solisten ist Fingerspitzengefühl gefragt. Alle Mitwirkenden sollen vom gemeinsamen Proben und Musizieren etwas mitnehmen. Als Glücksfall in der vergangenen Saison nennt der Musikologe die Zusammenarbeit des Orchesters mit dem Dirigenten George Benjamin und dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard. Für die kommende Saison setzt Hopp nicht nur auf Stockhausen und Lachenmann, sondern auch auf eine Gruppe junger Komponisten aus Mittelosteuropa und auf Rebecca Saunders, Mathias Spahlinger oder Wolfgang Rihm. Dessen „Tutuguri“ wird am 13. Oktober im Gasteig unter der Leitung von Kent Nagano aufgeführt. „Da ist der Herkulessaal einfach zu klein.“

Überhaupt reizt es den musica-viva-Leiter, neue Räume für die Neue Musik zu erobern. „Es muss nicht alles auf ewig im Carl-Orff-Saal, in der Muffathalle oder im Herkulessaal stattfinden. Gleichwohl sind das wichtige Räume für die musica viva. Aber München hat auch wunderschöne Kirchen…“ Obwohl Hopp bei der Struktur der Konzertreihe weiter auf die fünf großen Orchesterkonzerte baut, will er die kleineren Veranstaltungen (wie bisher: zwei Studiokonzerte, zwei Sonderkonzerte) künftig gern in engerem Bezug um diese fünf Säulen gruppieren. „Mal in loser Folge, mal in Formen von Kleinfestivals oder Wochenblöcken.“ Und vor allem möchte er die „Punkt Sieben“-Reihe intensivieren. „Diese kammermusikalischen Veranstaltungen bieten den Musikern eine Chance, mit Komponisten näher zusammenzukommen und etwas auszuprobieren. Das funktioniert im engen Produktionskorsett der großen Orchesterkonzerte nicht. Da wird umgesetzt und nicht mehr experimentiert.“

Doch gerade auch das Experiment und eine variablere Besetzung können die musica viva bereichern. Die Musiker wünschen sich mehr Flexibilität, möchten gern – auch bei den großen Auftritten – mal in kleineren Formationen musizieren und nicht immer vier Tage lang in der anstrengenden 100-Mann-Besetzung auf dem Podium sitzen. Auch das ist für Winrich Hopp ein legitimes Ansinnen, zumal „es so schöne schlank besetzte Stücke in der Avantgarde-Musik gibt, die helfen, ein ganz neues Ensemblespiel zu entwickeln“. Und noch eins verspricht der musica-viva-Leiter: „Auch für den Hörer ist es interessant, wenn mal nur 30 Musiker spielen.“ Vor allem wenn es 30 vom Format der BR-Symphoniker sind.

Gabriele Luster

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