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"Hair" in der Münchner Reithalle, inszeniert von Gil Mehmert.

Gärtnerplatz-Produktion hat am Donnerstag Premiere

"Hair" in der Reithalle: Vorsicht Nackerte!

München -  Zur Gärtnerplatz-Premiere: Wie der Siegeszug des Hippie-Musicals "Hair" begann und 1968 die Münchner Ordnungshüter alarmierte.

Am Ende müssen Staatsanwälte ran. Die sehen sich im Herbst 1968 in München das Musical „Haare“ an und befinden: Das sei Theater. Damit liegt „ein höheres Interesse der Kunst vor“, was wiederum die Szenen rechtfertigt, die für gewaltiges Aufsehen sorgen. Die Darsteller treten nämlich kurz so auf, wie Gott sie schuf, und simulieren den Beischlaf. Dem Münchner Amt für öffentliche Ordnung (gab es wirklich) ist das ein Gräuel, weshalb es das Spektakel zur „Revue“ erklärt hatte. Eine Revue gilt nach dem bayerischen Landesstraf- und Verordnungsgesetz als öffentliche Vergnügung und bedarf einer behördlichen Erlaubnis.

Es folgt ein Zermürbungskrieg zwischen Stadt und Musical-Machern. Strafgelder werden angedroht, die Künstler prangern Zensur an. Man einigt sich auf einen Kompromiss: Die Nackten dürfen auf die Bühne, stecken aber hüftabwärts unter einer blickdichten Decke. „Entblößung des Oberkörpers ist zugelassen, Entblößung von Geschlechtsmerkmalen verboten“, so der Bescheid. Das Andeuten von „Unzuchthandlungen“ sei zu unterlassen.

Heute, wo man als Theatergänger fast froh ist, wenn man mal eine Inszenierung erwischt, in der sich ausnahmsweise niemand auszieht, kann man sich die öffentliche Erregung damals kaum vorstellen. Gerade deshalb darf man gespannt sein, wie Regisseur Gil Mehmert den Klassiker als Gärtnerplatz-Produktion inszeniert, Premiere ist am Donnerstag in der Münchner Reithalle, Jeff Frohner dirigiert.

"Hair" sorgte einst für unglaublichen Wirbel

„Hair“, das erste „Rock-Musical“ der Geschichte, sorgte jedenfalls seinerzeit für unglaublichen Wirbel. Nicht nur wegen der berüchtigten Nacktszene. In den USA ist das Stück 1968 ein Sensationserfolg, der bald die ganze Welt erobert. Überall stürmen langhaarige Sänger mit sehr expliziten Texten und teils unbekleidet die Bühnen und künden vom Glück des herannahenden Hippie-Zeitalters im Zeichen des Wassermanns. In Kopenhagen walzen die freizügigen Nordländer die Nacktszene auf epische zehn Minuten aus, manche Zuschauer schließen sich spontan an und hüpfen nackig zur Musik herum. Vor allem ältere Mitmenschen befürchten den Untergang der Zivilisation. Auch und gerade in München, wo die übersetzte Fassung „Haare“ am 24. Oktober 1968 seine Uraufführung feiert.

Dabei ist die Faszination der Jungen eigentlich leicht nachzuvollziehen. Abgesehen vom Tabubruch der Nacktheit und dem Bejubeln der Freuden frei gelebter Sexualität ist das Musical eine Art Echtzeit-Seismograf der brodelnden Jugendrevolte. Die Geschichte um einen Soldaten, der kurz vor seiner Einberufung zum Einsatz in Vietnam noch in die Welt der friedliebenden Blumenkinder eintaucht, ist vor dem Hintergrund des Kriegs in Fernost und der Studentenunruhen eine wilde Mischung aus Agitprop und Pop-Fasching.

Zum ersten Mal wird das, was aktuell auf der Straße geschieht, auf die Bühne gehoben. Die Schauspieler Gerome Ragni und James Rado improvisieren zunächst mit hingeworfenen Textfetzen. Daraus wird langsam „Hair“, das sich 1967 zum Hit am alternativen Off-Broadway in New York entwickelt. Kurioserweise liegt das Münchner Amt für öffentliche Ordnung mit der Einschätzung, es handle sich um eine Revue, also gar nicht so falsch. Eine stringente Dramaturgie gibt es nicht, die Szenen erinnern oft an Happenings. Zum Beispiel das rituelle Verbrennen der Einberufungsbescheide oder eben der notorische Nacktauftritt.

Bestechende Texte zu einfachen Hymnen vertont

Den großen Erfolg verdankt „Hair“ dem kanadischen Kirchenmusiker Galt MacDermot, der die teils radikalen Texte zu bestechend einfachen Hymnen vertont. Die pazifistische Botschaft entspricht dem Zeitgeist: „Ich will mein Haar nicht vom Stahlhelm frisieren lassen“, steht im deutschen Programmheft. Und mit dem hedonistischen Aufruf, das Leben hemmungslos zu genießen, rennt „Hair“ Ende der Sechzigerjahre ohnehin offene Türen ein. In Deutschland tourt „Haare“ zweieinhalb Jahre und ist das mit Abstand erfolgreichste Musical dieser Zeit. Die Hysterie ebbt freilich bald ab, die Hippie-Bewegung ist schnell Geschichte.

Als „Hair“ 1979 zu einem Hollywood-Film wird (Regie: Milos Forman), will den keiner mehr sehen. Die Musik allerdings hat alle Trends und Moden überstanden. Womöglich überdauert sie sogar das Zeitalter des Wassermanns.

Vorstellungen bis 17. März, in der Reithalle. Telefon 089/ 2185-1960.

Zoran Gojic

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