Musical „Hinterm Horizont": Panikkunde am Potsdamer Platz

Berlin - Uraufführung des Udo-Lindemberg-Musicals "Hinterm Horizont" in Berlin: Die Zuschauer waren begeistert, die Songs bieten eine Wiederbegegnung mit den Hits, die Dialoge bieten Unterhaltung auf hohem Niveau.

Das hätte peinlich werden können. Wenn Udo Lindenberg, der nuschelnde „Panikrocker“ mit Hut, Sonnenbrille und stets in diesen seltsamen Hosen, einer Mischung aus Uniform und Gymnastik-Dress, von einem anderen gespielt wird, endet das oft unfreiwillig komisch. Lindenberg selbst schrammt ja, wenn er den Udo gibt, häufig an einer Karikatur vorbei.

Im Musical „Hinterm Horizont“, das auf realen und erdachten Augenblicken im Leben dieses unbestritten großartigen Songschreibers, Sängers und Musikers basiert, spielt Serkan Kaya, ein junger Deutsch-Türke, den heute 64-Jährigen. Und über weite Strecken des knapp drei Stunden langen Abends hütet er sich, ihn schlicht zu imitieren. Gerade in den Liedern findet Kaya seinen eigenen Stil und erschafft so eine autonome Bühnenfigur. Auch deshalb wurde die Uraufführung von „Hinterm Horizont“ gestern im Berliner Theater am Potsdamer Platz bejubelt.

Zu den Karrieren von Abba, Queen oder Udo Jürgens gibt es heute Musicals. Sie versprechen die Wiederbegegnung mit deren größten Hits. Natürlich reiht sich hier „Hinterm Horizont“ ein - und sticht doch heraus. Denn dieses Musical ist mehr als die geschickte Zweitverwertung von 30 Lindenberg-Liedern. Das liegt an Thomas Brussig, der das Stück schrieb. Der Autor von „Helden wie wir“ und „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ gab sich nicht damit zufrieden, Song-Überleitungen zu ersinnen. Der Anteil der Dialoge ist hoch - und unterhaltsam.

Ausgehend von Lindenbergs Auftritt im Palast der Republik 1983 - dem ersten Konzert eines westdeutschen Rockmusikers in der DDR -, erzählt Brussig von der Liebe zwischen dem Sänger und dem FDJ-Mädchen Jessy, dem „Mädchen aus Ostberlin“. Natürlich ist das eine schier unmögliche Beziehung, getrennt von der Mauer, beäugt von der Stasi. Brussig folgt dieser Liebe meist recht unangestrengt durch die Zeitläufte. Er verquickt - unterstützt durch historische Film-Aufnahmen - Zeit- und Lebensgeschichte. Das funktioniert, obwohl jedem klar ist, dass Lindenberg nicht den Soundtrack zur Wiedervereinigung geschrieben hat.

Bemüht wirkt dagegen die Rahmenhandlung: Eine Zeitungsredaktion will das „Mädchen aus Ostberlin“ finden. Über einen Reporter lässt Brussig etwa den Satz sagen: „Der wusste schon, dass Boris Becker Vater wird, bevor der aus der Besenkammer raus war.“ Solche Witze haben nicht mal mehr einen Bart. Sie sind verwest.

Doch zum Glück nimmt Brussig die Zuschauer dann mit ins Jahr 1983 - und läuft dort zur Hochform auf, wo er Stasi-Gehabe und DDR-Apparat karikieren, entlarven darf. Hier ist der Autor wieder in der „Sonnenallee“: bissig, böse, gut. Und die Schauspieler, vor allem Rainer Brandt als Minister, setzen das lustvoll um.

Ulrich Waller hat gerade diese Szenen knackig inszeniert. Schwer tut er sich dagegen mit der Darstellung von Gewalt. Das ist ein Problem vieler Musicals, gewiss. So wirken Szenen wie jene, in der die schwangere Jessy von der Stasi misshandelt wird, geradezu höhnisch. Sie bleiben Behauptung, nach den Schlägen in den Bauch wird weitergesungen.

Dabei gibt es Momente, die zeigen, wie sich Konflikte mit den Mitteln des Genres darstellen lassen: Lindenbergs Ruf „Gitarren statt Knarren“ inszenieren Waller und seine Choreographin Kim Duddy eindrucksvoll als tänzerisches Duell zwischen Soldaten mit Gewehren und Gitarristen. Die Band spielt dazu ein starkes Instrumentalstück, basierend auf dem Motiv von „Live And Let Die“, Paul McCartneys Song zum gleichnamigen Bond-Film aus dem Jahr 1973.

Ja, die Musiker sind mit das Beste, was dieser Inszenierung passieren konnte. Ohne die Lindenberg-Stücke zu entkernen, spielen sie diese in musicaltauglichen Arrangements. Dabei bleibt der Charakter der Songs erhalten, sie sind nicht genretypisch weichgespült. Auch deshalb finden alle Darsteller einen eigenen Ansatz bei der Interpretation. Hauptdarsteller Serkan Kaya singt ohne Udo-Nuscheln. Schade, dass er das nicht bei den Dialogen beibehalten hat. Bei allem Respekt, mit dem sich Kaya der Figur Lindenberg (gibt es eigentlich einen anderen westdeutschen Rockmusiker, in dessen Liedern der Begriff „DDR“ auftaucht?) nähert, hält er sie auch immer wieder charmant auf Distanz.

Dies und die Ironie, mit der das Lindenberg-Musical dem lebenden Original durchaus begegnet, beleben diesen Abend. Da erklärt etwa Jessys Bruder, dass Stars wie Chaplin oder Michael Jackson einen typischen Gang hätten, den sie lange üben mussten: „Bei Udo war das ’ne Sache von ’ner halben Flasche Wodka vor dem ersten Auftritt.“ Solche Pointen sorgen dafür, dass die Inszenierung nicht zur Heldenverehrung verkommt. Einzig der überdimensionale Udo-Hut, der über den meisten Szenen schwebt, mag dazu nicht recht passen.

Michael Schleicher

Karten für „Hinterm Horizont“ im Theater am Potsdamer Platz unter Telefon 018 05/ 44 44.

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