Musical-Premiere: „Sehnsucht nach dem Happy End“

München - Zum Jubiläum träumt sich die Komödie im Bayerischen Hof mit „Sehnsucht nach dem Happy End“ 50 Jahre zurück. Lesen Sie hier die Premierenkritik.

„Wir sind Tradition.“ Nein, das ist nicht der Titel der soeben stürmisch bejubelten Musical-Premiere in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof. Aber ein solches Prädikat darf sich dieses Theater, das im Oktober 1961 eröffnete, unbedingt zuerkennen. Und was wäre für ein 50. Jubiläum besser geeignet, als ein Abend, der sich heiter beschwingt dieses halbe Jahrhundert zurückträumt? In die Zeit von Urlaub in „bella Italia“, wippenden Petticoats, von Musikfilmen wie „Wenn die Conny mit dem Peter“. Die Songs von jenem legendären Peter Kraus, herzerweichend schmusige bis fetzig rock’n’rollige, und auch ein Stück der Kraus-Biografie haben Rainer Lewandowski (Buch) und Karl Absenger (Regie) zu einer Musical-Story verwoben, die mit liebevoller Ironie jüngste deutsche Vergangenheit aufleben lässt: „Sehnsucht nach dem Happy End“ – garantiert erhol- und heilsamer als eine Therapiesitzung.

Vorhang auf – und wir sind mit Thomas Peknys Ausstattung in den 50er/60er Jahren: weinrotes kuscheliges Kino, gleichzeitig auch Bar. Die alten Holzklappsessel, der Neonröhren-Strahlenkranz an der Decke – stimmt alles aufs Haar. Kino-Besitzer ist der schüchtern-ernsthafte Joe (Korbinian Arendt), den sein jüngerer Bruder Peter (Peter Lesiak), ein Schwerenöter, dazu überredet, sich – kurzzeitig – um eine seiner beiden Herzensdamen zu kümmern. Im Kino-Schummer bei der kurzsichtigen Susi (Kerstin Heiles) kein Problem. Und dann doch eines, weil die beiden sich verlieben. Die Überkreuz-Beziehungen, die auf einer Wild-West-Kostümfete (vorerst) streitig enden, sind natürlich Anlass zu einem jeweils passenden Lied: Peter und Diana (Miriam Mayr) säuseln „Es fing so wunderbar an“. Und als sie vergrätzt ist, schnulzt Peter „Bleib bei mir Diana“. In diesem Stil die ganze Palette, von „Susi Baby“ und „Teenager Melody“ bis zum „Teddybär“, super begleitet von fünf Musikern (Arrangements und Leitung: Herwig Gratzer), die, raumsparend, aber noch halb sichtbar in der Kulisse untergebracht sind.

Die ja nicht gerade für raumgreifendes Musical gerüstete Bühne wird bis auf den letzten Zentimeter genutzt von den zehn jungen angenehm unverbrauchten Musical-Darstellern, die – wenn nicht gerade in einer Lead-Rolle eingesetzt – als Background-Sänger/-Tänzer die Schritt-Kombinationen und Rock’n’Roll-Sequenzen (Ricarda R. Ludigkeit) mit viel hüftschwingender Verve und Charme hinblättern. Dass neben dem Liebes-Quartett auch die sechs restlichen Darsteller Persönlichkeit haben, können sie ausspielen, wenn in die Liebesgeschichte der Werdegang von Peter Kraus eingeflochten wird: der junge Kraus (Andreas Wanasek) beim ersten Vorsingen, von Schallplattenproduzent Gerhard Mendelson unter Vertrag genommen und schließlich auf Tournee mit Max Greger. Wenn Regisseur Karl Absenger bis dahin seine ironisch distanzierte Sicht auf die heile-Welt-süchtige Ära der 50er/60er Jahre nur dezent szenisch zum Ausdruck brachte – züchtige Blicke, keusche Zärtlichkeiten –, drückt er hier auf die Tube: „Ramona“, „Mit 17“, „Ich will mit Dir träumen“, da schmalzt und trieft es ganz herrlich. Und hier dürfen seine Sänger/ Tänzer auch mal plakativ parodistisch die Rampensau rauslassen (William Danne als Bill Ramsey).

Sie waren brav, sie waren naiv, die 50er/60er, aber die Jugend war offen für den neuen schrägen Sound und Rhythmus des Rock’n’Roll. Kraus überspielte damals vom amerikanischen Soldatensender AFN alle Rock’n’ Roll-Titel. Übte Tag und Nacht, machte Karriere. – Am Ende der Premiere kam der immer noch phänomenal jugendlich fitte Peter Kraus auf die Bühne, bedankte sich, beglückwünschte das Team, sang als Sonderzugabe dann selbst noch „Tutti Frutti“ und endete mit dem berühmten „hinge“, der rückwärts gelehnten Kniebeuge. Von einem solchen „Altstar“ können sich die Jungen noch eine Scheibe abschneiden. Also: so schlecht waren die 50er/60er Jahre doch nicht.

Malve Gradinger

Weitere Vorstellungen

bis 29. Oktober: Mo.-Sa. 20 Uhr, So 18 Uhr, nicht am 17. und 19. 9.; nicht am 1., 6., 14. und 20. Oktober; Karten 089/ 29 28 10.

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