Musik als blässliche Beilage

- Wenigstens das Selbstverständnis der "Werkstatt Bayreuth" nimmt er ernst. So hat Jürgen Flimm seinen "Siegfried" im fünften und letzten Jahr zwar nicht der Generalüberholung unterzogen, dafür am zweiten Aufzug geschraubt und gepuzzelt. Das ist löblich, macht die Inszenierung allerdings kaum funktionstüchtiger.

<P><BR>Denn noch enger als früher pflegt der Titelheld einen Dialog mit dem Waldvogel, der ihm laut Wagner ja nur den Weg zur schlummernden Brünnhilde weisen soll. Und zwar als Stimme der "neutralen" Natur, unbeeinflusst von Wotan, der jetzt als Strippenzieher und Federvieh-Beauftragter auftritt. Schon im vorletzten Bayreuther "Ring des Nibelungen" deutete Harry Kupfer solches dezent an, was damals heftige Debatten provozierte.</P><P>Flimm geht weiter, verbannt Sopranistin Robin Johannsen zum unverständlichen Singen in den Graben und lässt den "Vogel" von einer hübschen Schauspielerin in Krachledernen doubeln. Die darf Siegfried umtänzeln und herzen, sogar das Schwert im Drachenkampf führen. Ein launiger Flimm-Gag, der aber bei näherer Analyse die Logik des Stücks verkennt, auch zu lästigem Aktionismus führt. Zumal ach so süße Umarmungen eines nahe legen: Vielleicht hätte Sigi ja auf Brünnhilde verzichten und lieber den Vogel. Neu auch ist in dieser Szene eine Tribüne mit der Aufschrift "Fafner-Blick", die der Vogel irgendwann beiseite schieben muss, was am Sinn des Einfalls und Wolfgang Wagners bekannter Sparwut zweifeln lässt: Warum im letzten "Ring"-Jahr noch solche Veränderungen?</P><P>Für Festspiele zu wenig</P><P>Aber der dritte Teil der Tetralogie, der sich von markigen Schmiedeliedern über zartes "Waldweben" und Drachenstich bis zu lautstarker Minnebrunst spannt, ist schwer in den Griff zu bekommen. Flimm verlegt sich aufs dünne Komödienstadeln, schafft erst im finalen Duett intensive Momente. Christian Franz (Siegfried) und Evelyn Herlitzius (Brünnhilde) haben ihr Spiel noch mehr verfeinert, gestalten noch berührender. Auf Jubelorkane verspürte das Haus dennoch keine Lust - nach dem musikalischen Tiefpunkt der bisherigen Premieren-Woche. Christian Franz demonstrierte zwar, zu welch lyrischer Finesse und klugen Nuancierungen er fähig ist. Anfangs schien er sich aber - das intonationslose Deklamieren zeigte es - von Graham Clark (Mime) anstecken zu lassen. Clark mag verdienter Bayreuth-Kämpe sein, mag auch durch Spielwut überraschen, doch dem partiturgerechten Singen nähert er sich nurmehr selten. Alan Titus (Wotan) brachte sich für raumfüllende Bariton-Wucht in Stellung, die ungenaue Diktion, auch der vokale Substanzverlust im Schlussaufzug deuteten indes auf Überanstrengung hin.</P><P>Mit lyrischer Emphase agierte Evelyn Herlitzius, die ihren Sonnengesang nicht herausschleuderte, auch die gefürchteten C's nur antippte. Aber vielleicht wurde sie von Dirigent Adam Fischer zu wenig gefordert, der diese Musik oft gefährlich "herunterspielte", sie zur blässlichen Beilage stempelte und sogar mangelhafte Präzision in Kauf nahm.</P><P>Echte Sogkraft entfaltete diese Interpretation kaum: Für eine Repertoire-Aufführung mag's genügen, für Festspiele weniger.</P>

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