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Inhalte statt Inszenierung: René Jacobs legt eine Referenzeinspielung der Johannes-Passion vor.

CD-Neuerscheinung

Musik, die aus der Ewigkeit kommt

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Wie immer bei René Jacobs: Auch seine Einspielung von Bachs Johannes-Passion ist ein Großereignis

Als ob die Musik schon seit Ewigkeiten laufe, so komme ihm dieser Anfang vor. Und irgendwann, wenn der Mensch des Passionsgeschehens gewahr werde, wenn er die Göttlichkeit Jesu spüre, da werde diese Musik plötzlich auch für uns hörbar, da betreffe sie uns. Auch deshalb also dieses so besondere Pianissimo des Eingangschores, der sich steigert, bis das Ensemble – endlich – in die drei „Herr!“-Rufe ausbricht. Ein Aha-Erlebnis, das wäre zu platt ausgedrückt. Doch wenn René Jacobs über Bachs Johannes-Passion spricht, dann öffnet das Augen und Ohren für ein Opus, das durch die Mühlen des Konzertbetriebs in den Interpretationen Entscheidendes einbüßt: eine inhaltlich reflektierte Botschaft.

Zu sehen ist dieser Monolog von René Jacobs, unterbrochen von Studio-Szenen und Sänger-Interviews, auf einer DVD, die mehr als Bonus-Programm ist. Eine neue CD-Box von und mit René Jacobs, das bleibt – ob Oper oder Oratorium – ein Großereignis. Was zu diesem freundlichen, bedächtig sprechenden Dirigenten gar nicht passt. Doch all diese so tiefgehenden, Text und Noten brillant auslegenden Deutungen belasten Jacobs’ Bach nicht. Da folgt der Ex-Countertenor in seiner Haltung dem kürzlich verstorbenen Nikolaus Harnoncourt: Alles müsse man über ein Werk wissen – um es dann im Augenblick der Aufführung wieder zu vergessen.

Jacobs lässt sich in seiner auf frappierende Weise überzeugenden Einspielung gerade nicht vom Charakter der Johannes-Passion verleiten, die als dramatische Schwester der Matthäus-Vertonung gilt. Sicher, es gibt Aufgewühltes, Emphatisches, nicht nur in den Turba-Chören, auch im „Schlagabtausch“ mancher Rezitative, in denen sich die Solisten fast ins Wort fallen. Doch alles wurzelt immer in der Musik, begegnet nicht als Inszenierung. Hinzu kommen einige für Jacobs typische Eigenwilligkeiten: Der grandiose Rias-Kammerchor ist unterteilt in einen Favoritchor und Ripienisten, die wie die Kinder des Staats- und Domchores Berlin in den Chorälen bei Bedarf „dazugeschaltet“ werden. Orchester und Chor stehen überdies gegenüber, Ergebnis ist eine große Klangtrennschärfe, die fast jedes instrumentale Detail profiliert. Manches wie die Virtuosen-Nummer „Lasset uns den nicht zerteilen“ ist solistisch besetzt, nur an Kulminationspunkten tritt der Chor dazu. Ergebnis ist oft eine Terrassendynamik, die das Geschehen zusätzlich dramatisiert, ohne es zu überhitzen.

Sunhae Im (Sopran), Benno Schachtner (Altus), Sebastian Kohlhepp (Tenor), Johannes Weisser (Christus, Arien) und Werner Güra, der sich als Evangelist bei aller intelligent dosierten Emphase nie zur „Teilnahme“ hinreißen lässt, sind Solisten, die nicht nur technisch über alles erhaben sind, sondern ihre Partien fast wie Charakterstudien singen. Eine Einspielung, die zusammen mit den jeweiligen Zweitaufnahmen von John Eliot Gardiner und Nikolaus Harnoncourt das einsame Spitzentrio der Werk-Diskografie bildet.

Johann Sebastian Bach:

Johannes-Passion. Rias-Kammerchor, Akademie für Alte Musik Berlin, René Jacobs (harmonia mundi, zwei CDs, eine DVD).

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