„Musik ist gut gegen Angst“

München - Udo Jürgens hat im Münchner GOP-Theater sein neues Album „Der ganz normale Wahnsinn“ vorgestellt. Hören und lesen Sie hier, wie die neue CD ist.

Er hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, das ist im Münchner GOP-Theater rasch zu spüren: Noch am Mittwoch fragte sich Udo Jürgens, ob er überhaupt seine neuen Lieder präsentieren kann, während in Japan die Menschen gegen die drohende atomare Katastrophe ankämpfen. Der 76-Jährige hat diese Frage mit „Ja“ beantwortet, weil er weiß: „Musik ist gut gegen Angst.“ Er selbst, erzählt der Sänger und Komponist, sei früher ein „ängstliches Kind“ gewesen - „aber wenn ich am Klavier saß und den Leuten vorgespielt hab’, war die Angst weg“. Die Katastrophe in Fernost berühre ihn - nicht nur, weil er in Japan Gast vieler Fernsehsendungen war und in allen großen Städten aufgetreten ist. Aber, und das ist ihm wichtig: „Wenn wir wüssten, dass morgen die Welt untergeht - ich würde heute noch einen Baum pflanzen.“

So klingt Udo Jürgens’ neues Album

Wer Erfolge wie Udo Jürgens gefeiert hat, muss nicht zwangsläufig Neues wagen. Doch „Der ganz normale Wahnsinn“ (Sony) vereinigt das Beste aus Jürgens’ Kompositionen – verständliche Texte, perfekt arrangierte Stücke – mit einer überraschenden Stilvielfalt. Der Komponist, Musiker und Sänger hat Spaß an der Musik und ist auch mit 76 Jahren noch neugierig auf ihre Ausdrucksmöglichkeiten. Zusammengehalten vom großen Orchester, gibt es beinahe die ganze Bandbreite hochwertiger Unterhaltungsmusik – und Ungewohntes: „Alles ist so easy“ ist eine krachende Rocknummer, die „so gar nicht nach mir klingt“, wie Jürgens zugibt. Dennoch unbedingt anhören – auch weil Udo Jürgens hier wortwitzig mit dem „Denglisch“ abrechnet.

Man nimmt dem Österreicher diese Einstellung ab, nichts an Udo Jürgens wirkte gestern Nachmittag aufgesetzt. Die Präsentation seines ersten Studioalbums seit drei Jahren bestritt er so angenehm uneitel wie ehrlich begeistert. Natürlich konnte er die 14 Stücke seiner heute erscheinenden CD „Der ganz normale Wahnsinn“ (Kritik siehe Kasten) nicht live spielen, schließlich hat er sie mit großem Orchester aufgenommen. Doch kaum klingen die ersten, treibenden Takte aus den Lautsprechern, kann er die Beine nicht stillhalten und tippt den Takt mit. Immer wieder spielt er auch am Flügel einige Passagen mit und singt dazu leise die Texte. Der sehr herzliche Applaus der Journalisten erfreut Udo Jürgens sichtlich.

Ja, man glaubt ihm, dass er diese Platte vor allem gemacht hat, weil er Freude an der Musik hat: Wer auf eine Karriere wie Jürgens blicken kann, könnte auch den Ruhestand genießen (für sein „Best-Of“-Album von 2009 wurde er gestern mit Platin für 200 000 verkaufte Tonträger geehrt).

Für „Der ganz normale Wahnsinn“ hat Udo Jürgens nun 13 Stücke neu komponiert und den Titel „Mein erster Weg“ aus dem Jahr 1967 neu eingespielt. Selbst wenn manches ungewohnt klingen mag - bei einem ist Jürgens sich treu geblieben: „Ich lege unglaublich Wert darauf, dass man bei den Liedern jedes Wort versteht. Das ist sehr unmodern. Heute wird auf Platten viel genölt.“ Ehrensache auch, dass bei den Aufnahmen keine Computer zum Einsatz kamen: Mehr als 100 Orchester-Musiker hat Jürgens ins Studio gebeten - „alles echte Menschen“.

Auf einigen Liedern seiner neuen Platte findet der Musiker den Weg zurück zu seinen Wurzeln - dem Jazz. Im GOP-Theater verrät er, wie stolz er sei, dass etwa der Auftakt von „Wenn ein Lied so wär’ wie du“ an George Gershwin erinnere. Schließlich habe das Idol seiner Jugend „das Fenster aufgestoßen zum großen Orchester in der Unterhaltungsmusik“. In der Tat: Diese Nummer klingt nach Broadway, am Flügel sitzend schnippt Udo Jürgens begeistert mit.

Morgen Abend will er sein neues Album in der ZDF-Show „Wetten, dass...?“ vorstellen - vorausgesetzt, die Sendung wird nicht noch wegen der Entwicklung in Japan abgesagt: Moderator Thomas Gottschalk sei seit dem schlimmen Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch „sehr sensibel“, berichtet Jürgens. Von Februar 2012 an wird er dann durch Deutschland, Österreich und die Schweiz touren, am 28. Februar gastiert er in München.

In dem Stück „Der ganz normale Wahnsinn“, das dem Album seinen Titel gab, singt Udo Jürgens: „Dann noch Fernseh’n unterirdisch/ Superstars, die tun mir leid.“ Wer diesen Mann gehört hat, wird künftig den Begriff „Superstar“ sparsamer verwenden.

Michael Schleicher

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Zurück in die Zukunft
Berlin. Harrison Ford und Ryan Gosling stellen in Berlin Szenen ihres neuen Kinofilms „Blade Runner 2049“ vor.
Zurück in die Zukunft

Kommentare