Der Förderung des Sängernachwuchses haben sich Dietlinde Turban und ihr Mann Lorin Maazel verschrieben. Foto: kn

Konzert im Gasteig

Musik aus dem Hühnerstall

München - Philharmoniker-Chef Lorin Maazel und seine Frau Dietlinde Turban haben in den USA eine Talentschmiede für Sänger. Sie kommen vom Festival in Castleton in den Münchner Gasteig.

„Was machen wir mit dem riesigen Hühnerstall“, fragten sich Lorin Maazel und seine Frau Dietlinde Turban, als sie vor 25 Jahren eine Farm im US-Bundesstaat Virginia als Refugium für die Familie kauften. Ein Theaterchen für die Kinder schwebte dem Maestro, heute Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, einst vor. Doch Maazel ist eben Profi, zog beim Umbau des Stalls einen erstklassigen Akustiker zu Rate: Und wo einst 15 000 Hühner gackerten, sangen schon bald junge US-Talente. 140 Plätze hat das „Mini Globe Theatre“, in dem seit nunmehr 15 Jahren Konzerte aller Art oder auch Marionettenaufführungen stattfinden.

Zu Beginn, als Dietlinde Turban, von Waldorf-Ideen beflügelt, die Kinder aus der Umgebung um sich scharte, ahnten sie und ihr Mann nicht, dass die Farm einmal zur Schmiede für junge Sänger würde, die man sogar nach München exportieren könnte. Wenn nun am Freitag und Sonntag Puccinis Oper „La Bohème“ mit den Münchner Philharmonikern im Gasteig erklingt, dann steht eben jenes Ensemble auf dem Podium, mit dem Maazel das Werk heuer für sein Festival in Castleton erarbeitete: Die bereits an der New Yorker Met singende Joyce El-Khoury stellt sich in München als Mimi vor. Den Rodolfo singt Brian Jagde.

Der Maestro erinnert sich an die Anfänge: „Rostropowitsch war von unserer Idee so begeistert, dass er das Haus auf jeden Fall eröffnen wollte – drei Monate vor dem offiziellen Start.“ Als Startenor José Carreras unbedingt Zarzuelas in Castleton, dem Weiler mit nur ein paar Häusern und dem Theater des Ehepaars Maazel, singen wollte, musste ein Orchester rekrutiert werden. „Ich war klug genug, damals einen kleinen Graben für 18 Musiker einbauen zu lassen“, freut sich der Dirigent noch heute. Mit Kammeropern von Benjamin Britten legte er den Grundstein für die Oper und rief mit seiner Frau die Stiftung „Chateauville Foundation“ ins Leben. Mittlerweile gibt es ein festes Zelt mit 650 Plätzen für die große Oper, mit der Castleton im Jahr 2009 in die amerikanische Festival-Liga aufstieg. „200 junge Leute leben und arbeiten in den Sommermonaten auf dem Landgut. Wir essen dreimal am Tag zusammen und so entsteht eine richtige Familie, in der man sich umeinander kümmert“, erzählt Dietlinde Turban. Ihr Mann schwärmt von der fantastischen Landschaft Virginias. „In Amerika heißt es ‚God’s country‘ (Gottes Land) und die jungen Leute genießen den Aufenthalt: Sie spielen Puccini und danach Tennis, oder schwimmen und reiten. Ich beneide sie.“

Immer noch liegt den Maazels der Nachwuchs am Herzen: Im kommenden Jahr sollen 600 Kinder in den Proben Bekanntschaft mit der Oper machen. Sie kommen aus einem Gebiet, das von Richmond, Virginias Hauptstadt, bis nach Washington D. C. reicht. Die 90 Profi-Musiker, die bei der großen Oper im Graben sitzen, strömen aus allen Teilen der USA nach Virginia, natürlich sind darunter auch Vertreter der New York Philharmonics, wo Maazel zuletzt Chef war.

Nicht nur als Karriere-Sprungbrett für die Fortgeschrittenen hat Castleton sich mittlerweile einen Namen gemacht, auch Studenten sind willkommen. 50 angehende Sänger können Unterricht in Schauspiel, Improvisation, Monologarbeit und Charakterstudium nehmen. Die Hausherrin selbst kümmert sich dabei um das deutsche Kunstlied, betreibt mit den jungen Amerikanern intensives Textstudium bei Schubert-, Schumann- oder Wolf-Gesängen. Natürlich scharen sich um Lorin Maazel derweil junge Dirigenten, die vom erfahrenen Maestro einiges lernen können. Die begabtesten übernehmen dann die Kammeroper. Die große Oper ist in Castleton Chefsache – wie auch hier in München.

Konzert von Giacomo Puccinis „La Bohème“ am 21. und 23. September in der Philharmonie im Münchner Gasteig. Karten unter 089/ 54 81 81 81.

Gabriele Luster

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