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Helmut Neugebauer macht Musik für Filme, Tanztheater und jetzt fürs Bayerische Staatsschauspiel.

Wie die Musik zur Komödie kam

Helmut Neugebauer hat die Musik zu Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ fürs Münchner Residenztheater entwickelt. Premiere ist diesen Samstag. Auch der Richter Adam, Lambert Hamel, hat seinen Klang.

Im Dienst-Appartement, das Helmut Neugebauer während seiner Arbeit in München bewohnt, hängt an der Wand eine Foto-Strecke: Sie zeigt ein düsteres Bühnenbild. Das verwundert etwas, denn Neugebauer ist Musiker. „Ich stelle mir vor, wie es klingen soll“, sagt der Österreicher. Sein halbes Studio hat er aus Wien hierher mitgebracht: Abhörmonitore, Boxen, Desktop und sein ganzes Klang-Archiv auf Festplatten. Neugebauer komponiert für Heinrich von Kleists „Zerbrochnen Krug“ am Residenztheater die Musik; am Samstag hat Tina Laniks Inszenierung mit Lambert Hamel als Dorfrichter Adam Premiere. Wer die beiden österreichischen Dokumentarfilme „We feed the world“ (2005) und „Let’s make money“ (2008) von Erwin Wagenhofer kennt, an denen Neugebauer beteiligt war, weiß, um welche Art Musik es sich handelt: um elektronische Sounds, eine reduzierte Klangkulisse mit gezielt gesetzten Akzenten.

Nach vielen Arbeiten für Film und Tanztheater ist der 51-Jährige nun erstmals an einem großen Theaterprojekt beteiligt. Die Arbeitsweise ist neu für ihn, deshalb begleitet er die gesamte Probenzeit. „Bei einem Film sitze ich allein zuhause, ab und zu kommt der Regisseur mit Material vorbei und gibt einen Marschbefehl“, erzählt Neugebauer in seinem sympathischen Wienerisch. Hier ist er Teil eines Ganzen, ständig damit beschäftigt, wie die anderen Ensemblemitglieder die Impulse der Regisseurin umzusetzen.

Das fängt bei der ersten Idee an. Zu dieser Gerichtsverhandlung um einen Eindringling, die schon Goethe als „stationäre Prozessform“ beschrieb, fällt einem aber nicht unbedingt zuerst Musik ein. „Dachte ich auch“, sagt Neugebauer. Und orientierte sich an einem Gedanken Laniks: Der Anfang wird aus dem Blickwinkel, dem Inneren des Dorfrichters heraus erzählt – Organe, Herzklopfen sind zu hören. „Auch den anderen Charakteren ordnen wir Klänge zu: Frau Marthe zwei Töne eines verstimmten Klaviers, das jemand mit bloßen Händen zerlegt, Eve eine Ibiza-Meer-Träumerei, dem Schreiber das Geräusch eines zufallenden Schleusentors.“ Im passenden Kontext tauchen sie wieder auf – oder stiften Verwirrung. „Im besten Fall vermittelt die Musik Erkenntnisse auf einer tieferen Ebene, jenseits der Worte“, beschreibt Neugebauer das Verhältnis. Besonders spannend ist für ihn die Einbeziehung des Raums: „Im Theater kann man den Sound aufteilen, im Kreis laufen oder hin- und herspringen lassen, kann die Schritte im Schnee aus den vorderen Lautsprechern hören und das Schleusentor hinter sich öffnen.“ So bastelt der Musiker mit dem Tontechniker an der besten Wirkung. Zusammen sitzen sie in der Tonkabine in der Rückwand des Zuschauerraums und warten, wie die Regisseurin auf Vorschläge reagiert.

Dass Neugebauer neben seinen Jazzkompositionen und -konzerten viel für Film und Theater arbeitet, scheint vorgezeichnet gewesen zu sein. Nach der Ausbildung in Flöte und Saxophon studierte Neugebauer mehrere Jahre lang bildende Kunst, um schließlich wieder zur Musik zurückzukehren. „Ich habe bei Tönen ein bildhaftes Empfinden, nehme Improvisation als optische Bewegung wahr“, sagt er. Schon Ende der 80er-Jahre, als man sich noch mit Diaprojektoren behelfen musste, interessierte er sich bei eigenen Artrock-Projekten im Stil von Laurie Anderson für die visuelle Ebene. „Mich reizt, wenn mehrere Medien einander ergänzen und ein neues Ganzes ergeben. Manchmal bedarf es an einer essenziellen Stelle nur eines Tupfers.“

Um diesen Punkt streitet sich Neugebauer gerade mit der österreichischen Urheberrechtsgesellschaft AKM. „We feed the world“ war zwar der erfolgreichste österreichische Dokumentarfilm aller Zeiten. Aber weil Neugebauer keine „Soundmeterware“, sondern reduzierte Klänge geliefert hat, muss er nun um seine Tantiemen kämpfen. „Let’s make money“, das Motto, das auf seinem Film-T-Shirt steht, hilft ihm dabei wenig. „Kunst wird auch nicht nach bemalter Fläche bezahlt. Zum Klang gehören bewusste Stillen“, rechtfertigt er sich.

Geht er eigentlich einen Film eher „hören“ als sehen? „Einen ,Tatort‘ kann ich nicht anschauen, ohne wahrzunehmen, wie er gemacht ist. Die Teams haben die besten Geräte, mit denen alles perfekt klingt.“ Besser gefällt ihm aber individuellere Musik. „,Twin Peaks‘ hat einen sehr künstlerischen Sound und erfüllt dennoch den Zweck.“ „Dead Man“ von Jim Jarmusch fällt ihm noch als gutes Beispiel ein, Miles Davis’ Musik bei „Fahrstuhl zum Schafott“ ist sein Favorit. Und natürlich darf das große Filmmusik-Idol nicht fehlen: Ennio Morricone natürlich.

Christine Diller

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