Musik ist wie ein Messer

- Der Titel ("Die Musik - Mein Leben") legt den Verdacht nahe. Doch eine Autobiografie, das meint der Maestro, sei dieses Opus eigentlich nicht. "Ich wollte über vieles schreiben, was mit Musik zu tun hat. Der biografische Aspekt ist eher eine Art Leitfaden." Vor elf Jahren erschien Daniel Barenboims Buch zum ersten Mal, die neue, um mehrere Kapitel erweiterte Fassung berücksichtigt nun aktuelle Entwicklungen - auch politische. Und zu denen nahm der Pianist und Dirigent, der an diesem Freitag 60. Geburtstag feiert, im Rahmen der Münchner Buch-Präsentation Stellung.

<P>Vor einigen Wochen erst war Daniel Barenboim in Ramallah. Dort, am Sitz der palästinensischen Verwaltung, hatte er mit Jugendlichen musiziert und sich wieder einmal den Zorn israelischer Politiker zugezogen. "Wir haben in Ramallah während der künstlerischen Arbeit den Hass auf Punkt Null gebracht", berichtet Barenboim. "Es gibt keine militärische Lösung im Nahost-Konflikt. Es darf nicht dauernd gefragt werden: Welches sind meine Rechte? Wichtiger ist: Worin liegt meine Verantwortung?" Dennoch sieht sich Barenboim nicht als Unterstützer eines der beiden Lager: "Gerade weil das Thema so politisch ist, darf unsere Botschaft keine politische, sondern muss eine menschliche sein." <BR><BR>Obwohl sich Barenboim regelmäßig einmischt, vor entsetzten Israelis zum Beispiel das "Tristan"-Vorspiel des verhassten Richard Wagner dirigierte, betont er: "Ich benutze die Musik nicht." Ohnehin besitze sie keine moralische Qualität, da halte er es ganz mit dem Komponisten Ferruccio Busoni: "Musik ist klingende Luft." Ausschlaggebend sei, was mit ihr geschehe: "Musik ist wie ein Messer. Entweder kann ich damit Brot schneiden oder es als Mordinstrument einsetzen." <BR>Die Betrachtungen zu diesem Phänomen nehmen auch den größten Raum ein in Barenboims Buch, etwa die sehr persönlichen Reflexionen über Interpretation (die mancher Fan der authentischen Aufführungspraxis ablehnen dürfte), über das Phänomen Klang, auch über Opernregie und die Psychologie des Orchesters. Wichtig ist es, so Barenboim im Gespräch, den Hörer "die Unwiederholbarkeit der Musik immer wieder spüren zu lassen". Ein Paradox, erlaube doch gerade die technische Entwicklung, "das zu halten, was eigentlich nicht haltbar ist". <BR><BR>Dafür, dass sich die klassische Musik in der Krise befindet, dass Veranstalter immer weniger Karten absetzen und der CD-Verkauf rückläufig ist, trage laut Barenboim nicht allein der "Markt" Verantwortung: "Entscheidend ist die Erziehung." Musik sei dadurch bei vielen Menschen nicht Teil ihres Alltags geworden. <BR><BR>"Wie kann man sich mit Goethes ,Faust` beschäftigen und nicht die geringste Neugier dafür aufbringen, welche Verbindungen etwa Schubert und Schumann mit ihren Vertonungen zu diesem Dichter hatten?" Die mangelhafte Erziehung in Elternhaus und Schule habe diese Kunst aus dem geistigen Leben fast verdrängt. "Da soll man sich nicht wundern, dass Politiker glauben, Musik sei zu teuer geworden."<BR><BR>Daniel Barenboim: "Die Musik - Mein Leben." <BR>Aus dem Englischen von Michael Lewin und Matthias Arzberger. <BR>Ullstein Verlag, München. 344 Seiten, 24 Euro. <BR></P>

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