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„Songs kommen einfach“: Christoph Süß über seine Arbeitsweise und die alte Leidenschaft Musik.

Die musikalische Ader des Kaberettisten Christoph Süß

München - Seine Fans kennen Christoph Süß als Kabarettist und Moderator. Im Interview spricht er über seine Musik und neue Lieder, Löcher in der Wand und philosophiert über den Sinn des Lebens.

Neben ihm auf dem Tisch liegt ein aufgeschlagenes Buch: „Zusammenhänge/Nachgedanken: Essay über Israel“ von Dürrenmatt. Christoph Süß’ derzeitige Lektüre, die er gleich weiterempfiehlt. Der Satiriker und BR-Moderator („quer“) plaudert im Café, die Beine im Schneidersitz. Ein Gespräch über seine neue CD, auf der er sich als Musiker präsentiert.

Nein, es bedeutet einfach, dass man beim Konzert über so eine Schwelle drüber muss, weil es nicht das ist, was die Leute erwarten. Und zunächst will man das von mir auch nicht. Aber das Publikum nimmt die Schwelle recht schnell.

Wie wird ein Moderator zum Musiker? War das für Sie ein naheliegender Weg?

Umgekehrt. Ich hab schon in der Pubertät Songs geschrieben. Und dann haben sich damals bereits verschiedene Bands ergeben. Und nebenbei war ich immer auf der Bühne und als Schauspieler tätig. An den Moderatorenjob bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kinde.

2004 haben Sie Ihre erste CD herausgebracht „Quer durch die 5 Jahreszeiten“, nach sechs Jahren jetzt die zweite. Eine lange Pause.

Naja, die erste CD, das war ganz etwas anderes, das waren ironische, satirische Songs, die man auch mal als Schlusslieder in der Sendung hatte. Da haben wir gesagt, das geben wir auf CD raus. Ich bin aber überrascht, dass es die CD noch zu haben gibt, weil die Plattenfirma schon gar nicht mehr existiert. Und falls irgendjemand damit Geld verdient, ich bin es nicht.

Was für einen Christoph Süß erlebt man in den Songs. Die Liedtexte sind ja wenig politisch...

Sind sie das?

Mehr philosophisch...

Ist das denn ein Unterschied? (lacht) Die Philosophie, über den aktuellen Tag hinauszudenken, ist etwas, was die Politik seit geraumer Zeit unterlässt, weil sie unablässig mit ihren Brandherden befasst ist. Das erinnert mich an das Bild: Jemand steht an einer löchrigen Wand, und überall kommt Wasser raus. Und er macht ins eine Loch den Finger rein, und dann kommt beim anderen wieder Wasser raus. So kommt mir die Politik im Augenblick vor. Mit ähnlicher Verzweiflung. Niemand tritt mal zurück und überlegt, wieso kommt da überall Wasser raus? Vielleicht sollten wir mal hinter die Wand schauen, ob wir das Problem grundsätzlich lösen können. Das wäre jetzt natürlich eine philosophische Frage. Aber die Politik ist derzeit in so großen Schwierigkeiten, dass man denkt, die sollten sich die Frage mal stellen.

Und Sie stellen sich in Ihren Songs diesen grundsätzlichen Fragen?

Mein Gott, naja, die Weltprobleme zu lösen, bin ich nicht imstande, ich würde gerne...

Auf dem Cover Ihrer CD ist ein Buch über Kant zu sehen. Blitzt da das Philosophiestudium durch, das Sie einmal angefangen haben?

Zufall, das der da lag. Passt aber natürlich, weil Kant sehr wichtig ist. Er steht für die Grenzen der Erkenntnis und ist deswegen so bedeutend, weil nach Kant klar ist, was man wissen kann - nämlich mit absoluter Sicherheit nichts. Es ist ja auch eine politische Botschaft. Wenn ich nichts mit 100-prozentiger Sicherheit wissen kann, dann kann ich mit jedem ein Gespräch führen, weil der andere immer Recht haben könnte. Wenn ich mich dagegen mit jemandem unterhalte mit der sicheren Überzeugung, dass der andere nicht Recht hat, reicht es, soziale Geräusche zu machen. Ein richtiges Gespräch zu führen, ist dann sinnlos. Und insofern hat es mich gefreut, dass die Biografie über Kant dort zufällig lag.

Am Anfang der CD steht der Rausch, am Ende der Absturz - eine deprimierende Dramaturgie!

Was ich versuche, ist, die Endlichkeit gut zu finden. Das ist inzwischen auch eine politische Botschaft geworden. Weil wir ja inzwischen alle so tun, als würden wir ewig leben und als würde alles immer so weitergehen. Ich denke, es ist wichtig, dass man sich klar wird: Sinn entsteht immer nur dadurch, dass die Dinge begrenzt sind. Wenn wir hier sitzen und ewig unser Gespräch führen würden, ich meine wirklich ewig, würden wir es nicht führen, denn es hätte ja keine Bedeutung. Nichts hätte irgendeine Bedeutung. Denn unsere ganzen Emotionen basieren darauf, dass die Dinge vorbeigehen. - Oh geil, Essen! (Die Kellnerin serviert einen Salat.) - Und deswegen find’ ich die Endlichkeit gut, weil die dafür sorgt, dass überhaupt Sinn im Leben entstehen kann. Sehen Sie, die Biologie ist stets dagegen, dass man stirbt, deswegen muss man immer mal wieder Nahrung zuführen.

Die Themen, die Sie aufgreifen, sind eine bunte Mischung: die Webcam, die ständig Bilder produziert, die Münchner „Bussi-Bussi-Gesellschaft“. Wie entstehen Ihre Songs?

Es sind Einfälle, und die kommen jederzeit. Wie ein Überfall. Das kommt von außen, es ist nichts, was man haben kann. Die meisten anderen Sachen, die ich schreibe, sind Sachen, die andere von mir wollen. Auftragsarbeiten. Songs dagegen kommen einfach.

Würden Sie sich als Liedermacher bezeichnen?

Warum nicht? Man hat dann zwar Reinhard Mey und Konstantin Wecker im Kopf, die zwei sind ganz wunderbar, aber es klingt auch so abonniert. Die Bezeichnung im Amerikanischen ist „Singasongwriter“, das würde besser passen. Bei uns gibt es keinen Begriff dafür. Aber warum nicht Liedermacher, ich mach’ ja Lieder. Dann passt’s ja.

Das Gespräch führte Mieke Meimbresse.

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