Dortmund besiegt "Fluch von Berlin" - Triumph für Tuchel

Dortmund besiegt "Fluch von Berlin" - Triumph für Tuchel

Musikalische Schlangenhäutung

München - Ist er aus der Mode oder ist er nicht aus der Mode? An den großen Opernhäusern jedenfalls kommt Carl Orff (1895-1982) so gut wie nicht mehr vor. Die späte Uraufführung eines überraschend entdeckten Werkes war nun Anlass für ein dreitägiges Symposion über den Komponisten.

"Das ist für mich auch ein ganz neuer Orff!", freut sich Lieselotte Orff. "Das war ja lang vor meiner Zeit." "Ihre Zeit" an der Seite von Carl Orff begann 1955 am Ammersee. Das Streichquartett in c-moll aber schrieb der gebürtige Münchner mit 25 Jahren. Gerade hat es als Höhepunkt eines dreitägigen Symposions im Münchner Orff-Zentrum zur Uraufführung gefunden: in der federleicht rasanten Interpretation des Henschel Quartetts. Der "neue Orff" ist darum eigentlich der alte Orff, doch dessen Nachlass ist für die Forschung erst seit 1990 zugänglich.

Nun ist man also im umfassenden Skizzenmaterial erneut fündig geworden: Der Satz für Streichquartett ist auf den 25. April 1921 datiert und fällt somit in die kurze, verdrießliche Zeit, die Orff als Meisterschüler bei Hans Pfitzner verbrachte. Die drei Versionen entspringen wohl der mehrfach verbesserungswürdigen Hausaufgabe, eine Sonatine zu schreiben. Damit ist dies Orffs letzter Versuch einer spätromantischen Komposition: bilderreich verspielt in anspruchsvollen Charaktersprüngen, mal unglaublich tänzerisch, fern jener späteren spirituellen Strenge, dann wieder expressiv, ja "chorisch". Und schließlich die Coda: als ein einziges stehendes, unvollendetes Ausatmen.

"Orff? Jaja, der war begabt, jetzt verkommt er." Mit diesen Worten hat Pfitzner die musikalische "Schlangenhäutung" (Orff) seines Schülers nach 1921 markiert.

Im Münchner Konzert spürte man dieser Frage nun auf eindrucksvollste Weise nach: Bevor kein anderer als eben Pfitzner mit seinem Klavierquintett C-Dur op. 23 den romantischen Anlass des Abends noch einmal ausgiebig signieren durfte, kam es zur unmittelbaren Konfrontation des "neuen" Orff-Quartetts mit dem "alten", ernst getragenen Violenkanon aus "De temporum fine comoedia": beide 1921 entstanden und doch zwei ferne Welten.

In absehbarer Zeit wird wohl ebenfalls ein Jugendwerk Orffs, die Oper "Gisei - Das Opfer" (1913), endlich Uraufführung feiern. Auch sie war Gegenstand des Symposions "Text, Musik, Szene - Das Musiktheater von Carl Orff". Anlässlich seines 25. Todesjahres fand man 16 Referenten aus Deutschland, Taiwan, Italien, Österreich und der Schweiz, um über einzelne musik-, theater-, kultur- wie sprachwissenschaftlich interessante Aspekte in Orffs Werken zu diskutieren. Dabei reichte die Spanne der frei gewählten, oft sehr ins Detail reichenden Betrachtungen vom Gebrauch des "O Fortuna"-Chores in der Werbung bis zur Untersuchung seiner Märchenstücke.

Man stellte die Orff unterstellte "Kunstlosigkeit" der einzigartigen, enormen Wirkung seiner Werke gegenüber und prüfte kritisch sein Verdienst um die Popularisierung des Mittelalters. Man streifte Wegbegleiter wie Brecht, Hindemith, Rennert, Sellner, Strawinsky. Man begriff Orffs letztes Werk "De temporum fine comoedia" als Summe seines gesamten Schaffens.

Vor dem Hintergrund einer immer noch mangelhaften Beachtung Carl Orffs in den Musikgeschichten des 20. Jahrhunderts - auch aufgrund seiner umstrittenen Rolle zur Zeit der Nationalsozialisten - fragte man zudem nach den Aufgaben der Orff-Forschung und antwortete mit Optimismus und Tatendrang: ein großes Werkverzeichnis, eine Biografie, eine chronologische Sammlung der 40 000 Briefe. "Orffs Werk umspannt zweieinhalb Jahrtausende europäischer Geistesgeschichte und das in staunenswert wenigen Worten und Tönen", so Thomas Rösch, Direktor des Orff-Zentrums.

Doch Rösch weiß auch, dass Münchens Staatsoper seit dem "Trionfi"-Streit 1990, bei dem Wolfgang Sawallisch die zeitgemäße Interpretation des Duos Kresnik/Helnwein verhinderte, keinen Orff mehr gesehen hat. "In den 50er-, 60er-Jahren bis in die 70er war er unbestritten der Erneuerer des Musiktheaters, von europäischem Rang. Das alles ist verloren gegangen durch ein bewusstes Ignorieren und Ihn-verdrängen-Wollen." Es sei jedoch an der Zeit, so Röschs Plädoyer, Orffs Bedeutung ganz unvoreingenommen erneut zu überprüfen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei

Kommentare