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Musik war für ihn unbedingte, kraftvolle und überwältigende Lebensnotwendigkeit: Nikolaus Harnoncourt.

Nachruf

Die Musikwelt trauert: Nikolaus Harnoncourt ist verstorben

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Salzburg - Einer der ganz Großen der klassischen Musikwelt ist tot: Der Dirigent und Meister der Alten Musik, Nikolaus Harnoncourt, ist in der Nacht auf Sonntag im Kreise seiner Familie nach einer schweren Erkrankung im Alter von 86 Jahren gestorben.

Heiß muss es im Sommer 2008 gewesen sein. Um die 30 Grad draußen – und drinnen, in der Aula der Salzburger Universität? Schwer bis unschätzbar, weil da noch dieser Reaktor war. Ein menschliches Kraftwerk, klatschnassgeschwitzt das Leinenhemd, die Haare verklebt, das Gesicht (wir kennen diese fast herausfallenden Augen) mal zur Grimasse verzerrt, mal zum gütigen Lächeln beruhigt. Nikolaus Harnoncourt kämpfte. Um Beethoven, um die oft vernudelte Fünfte, ach was: um die ganze Musik überhaupt. Vor ihm Instrumentalisten, die alle seine Enkel hätten sein können. Mitglieder des Simon Bolivar Youth Orchestra bei der Probe, die befremdet, dann fasziniert, schließlich begeistert zu dem Mann aufschauten, der ihnen anfangs Alien war: So viel Temperament wie er brachten die jungen Venezolaner nicht zusammen auf. Und am Ende klang es genauso, wie es sein sollte: als ob noch niemand dieser Musik vorher begegnet war, als ob sie uns nun erstmals, unwiderruflich und lebenslang erschütterte. Ähnliches wird heute weltweit zu lesen und zu hören sein an diesem Tag, an dem die Musikwelt schwarz trägt, weil sie ihren Vater verloren hat. In der Nacht auf Sonntag ist Nikolaus Harnoncourt im Alter von 86 Jahren gestorben.

Er war der bedeutendste Dirigent des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts

Jeder hatte seine Begegnungen mit ihm, sein persönliches Erweckungserlebnis. Und wir alle werden auch heute, an diesem unsagbar traurigen Tag, lächeln über diese meist skurrilen, erhellenden, immer unvergesslichen Stunden. Weil da mitten unterm Hören eine Tür aufzuspringen schien zu einem Klangland, in dem Musik nie Plaisir, Zeitvertreib oder Vehikel eines Könners war, sondern unbedingte, kraftvolle und überwältigende Lebensnotwendigkeit. „Um Gottes Willen“, so pflegte er Bemerkungen beiseite zu schieben, in diesem unnachahmlich knurrigen Ton, die auf seine Bedeutung in der Musikgeschichte zielten. Doch es ist wahr: Harnoncourt war der bedeutendste Dirigent des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Nicht weil er auf der Klaviatur der Medien- und Werbemaschinerie spielen konnte, weil er sich glamourös in Szene setzte oder auf marmornem Maestro-Sockel stand, all das passte ja nicht zu ihm. Der Mann, der 1929 in Berlin als Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt zur Welt kam, lehrte uns, dem Publikum, aber auch den Instrumentalisten und Sängern, das Kostbarste in der Musik – das Hören.

Es ist schwer zu entscheiden, ob ohne ihn, der in Graz aufwuchs und später in Wien und am Attersee wohnte, die Historie anders verlaufen wäre. Die Revolution der Aufführungspraxis, die mit dem Klang der historischen Instrumente nicht nur den Barock so aufregend machte, lag in der Luft. Ihre Protagonisten – Harnoncourt im österreichischen Raum, seine Wahlverwandten aus den Benelux-Ländern – lehnten sich auf gegen die Honoratioren unter den Dirigenten, die Musik nur als imponierendes, aber eben auch sattes, selbstgewisses Ereignis begriffen. Was Harnoncourt & Co. taten, ist gewissermaßen das künstlerische Äquivalent zum politischen Impetus der 1968er-Generation. Und der Mann mit dem stets leicht unwirschen Wesen, dessen erstes Wort als Kind „Nein“ gewesen sein soll, diese Realinkarnation einer Figur aus Thomas Bernhards Tragikomödien, wurde der Protagonist dieser Bewegung. Weil er am radikalsten war, aber auch am kommunikativsten.

Harnoncourt wurde nicht nur geachtet, respektiert und verehrt – er wurde geliebt

Musik sei nicht besprechbar, sagt der Komponist Wolfgang Rihm, Harnoncourt tat das Gegenteil. Auch in den Proben – eigentlich eine Todsünde für Orchestermusiker. Mit manchmal bizarren Bildern, auch mit kabarettistischem Spott („Kontrabassisten stimmen ihre Stahlsaiten ja nur zu Weihnachten und Ostern“). Die Farbigkeit und Einfachheit seiner Sprache, die abzweigenden Nebensätze, die manchmal kaum den Weg zurück fanden, der brummige Witz, die Temperamentsausbrüche sorgten für etwas Einzigartiges in der Dirigentenszene: Harnoncourt wurde nicht nur geachtet, respektiert und verehrt – er wurde geliebt. Und irgendwann, da hatte er längst alle Kämpfe auf dem Podium und gegen das früher buhende Parkett überstanden, wurde es den Menschen endlich klar: Harnoncourt war das Gegenteil eines Dogmatikers, eines Gurus, der Alternativloses verheißen wollte. Dem Ex-Cellisten, der mit seiner Frau, der Geigerin Alice Harnoncourt ein in jeder Hinsicht symbiotisches Duo bildete, ging es nur darum, das Interessanteste, Nervenaufreibendste aus einer Partitur herauszuholen, und dies mit dem „Material“, das er vorfand – ob da nun die Berliner Philharmoniker mit ihren modernen Instrumenten saßen oder sein 1953 gegründeter Concentus Musicus Wien mit seinen historischen Unikaten.

Nur drei Dirigenten gibt es, deren „Klang“ auch ohne Bild sofort erkannt werden konnte. Karajan, der die Musik ins Imponiergehabe trieb. Celibidache, der in aller Ruhe den sich verlagernden Kraftfeldern einer Partitur nachspürte. Und eben Harnoncourt, der Phrasierungen entdeckte, Widerborsten und Kontrastmittel, die zum Hinhören zwangen. Bei seinen Dirigaten, so sagte er einmal, solle die Hausfrau das Bügeln einstellen – Milliarden Brandlöcher dürften die Folge seines Wirkens gewesen sein. Auch wenn Harnoncourt rund zwei Jahrzehnte am Salzburger Mozarteum lehrte und in Büchern und Gesprächen sein Ideal der „Klangrede“ weitergab: Ein Theoretiker war er weniger. Eher ein Dirigent, der sich als eine Art veredelter Tanzbodenmusiker begriff – als einer, der die Wurzeln der großen Tonschöpfer im Volkstum vor Ohren führte. Gerade deshalb waren sein Schubert, sein Mozart, sein Bruckner, sein Beethoven so tief erfühlt. Und auch deshalb war er – neben Carlos Kleiber – der einzig wahre Dirigent des Wiener Neujahrskonzerts.

Kurz vor seinem 86. Geburtstag zog sich der Größte unter allen ins Private zurück

Doch nicht nur im Volkstum wurzelten seine Deutungen, auch im Religiösen. „Eine vom Transzendenten losgelöste Kunst kenne ich nicht“, sagte Harnoncourt einmal unserer Zeitung. Das Unsagbare, das hinter der Musik steht, das Ungreifbare, das Numen wurde bei ihm spürbar – ob es sich um die geisterhaft formulierte Phrase „Dich beten Erd und Himmel an“ aus Haydns „Schöpfung“ handelte, um das von Kriegserschütterung und gefährdeter Hoffnung gekennzeichnete Agnus Dei in Beethovens Missa Solemnis – oder um drei Pilatus-Worte aus Bachs „Johannes-Passion“: „Was ist Wahrheit?“ – und der ganze Gehalt des Werks wurde blitzartig und unerklärlich offenbar.

Am Ende, kurz vor seinem 86. Geburtstag, zog sich der Größte unter allen ins Private zurück. Weil es die Gesundheit nicht mehr anders zuließ, und vielleicht auch, weil seine Mission erfüllt war. Im uralten Pfarrhaus unweit des Attersees mit seinem wilden, schönen Garten und den gedrungenen Räumen gab es ja noch anderes zu tun. In der Schreinerwerkstatt entstanden Dinge, die es in ihrer liebevollen Detaillust locker mit den musikalischen Interpretationen aufnehmen konnten. Holzstühle mit unendlich fein geschnitzten Tieren, Pflanzen und anderen Verzierungen gab es da. Ein Reich, das er manchmal holzspanübersät nur vorübergehend zu verlassen schien. „Schön, dass Sie für ein Interview Zeit haben.“ – „Wie kommen Sie darauf, dass ich Zeit habe?“ – eine Begrüßungsszene der Harnoncourt’schen Art.

Dass er ab dem Herbst 2015 nicht mehr die Podien betrat – schon das war schwer auszuhalten. Nun ist er auch von der Lebensbühne verschwunden, und doch: Unendlich viel hat er in den vergangenen Jahrzehnten gesät. Keimlinge, die in der Interpretation eines jeden Musikers aufgegangen sind. Manchmal nur als kleines Pflänzchen, manchmal als kraftvolles Gewächs. „Macht doch diese Phrase interessanter“ – in dieser einfachen Forderung, die selbst in den Proben von Laien-Chören und -Orchestern zu hören ist, manifestiert sich die Arbeit von Nikolaus Harnoncourt. Auch künftig ist er also zu hören, weltweit. Das könnte ein Trost sein.

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