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Weihnachtliche Klänge

Musikgeschäfte unterm Baum

Obwohl es in jedem Haushalt Weihnachtsplatten gibt, werden Jahr für Jahr neue aufgelegt – millionenfach. Das meiste ist alt und überflüssig.

Weihnachten kann furchtbar sein. Wenn etwa ein virtuelles Wesen namens Schnuffel in Festlaune gerät und Zeilen wie „Kling Klingeling Kling Ding Ding/das ist das Weihnachtslied/das ich gern sing“ trällert. Das dürfte nicht mal die Zielgruppe Klingeltonsüchtiger unter 15 Jahren in Weihnachtsstimmung versetzen, doch darum geht es dem Retortenprodukt auch nicht – es geht um Verwertungsketten, um unser Geld, das in der Adventszeit lockerer sitzt als sonst.
Deshalb fluten Plattenfirmen die Regale mit dem, was sie Weihnachtsmusik nennen. Und so schlecht kann es um die Binnennachfrage in Deutschland nicht bestellt sein, denn es wird scheinbar alles gekauft, was irgendwie nach Heiligabend klingt. In den verkaufsstärksten acht Wochen vor dem 24. Dezember macht Weihnachtsmusik acht Prozent der Tonträgerumsätze aus: Knapp 21 000 Platten präsentiert der Internetanbieter Amazon in der Sparte Musik unter dem Stichwort „Christmas“. Ob Schlagerstar, Castingsternchen, Boygroup oder Countryband, Rockröhre oder Souldiva, Künstler oder Knallcharge – wer Geld braucht, davon nicht genug kriegen kann oder wirklich gern unterm Tannenbaum singt, nimmt ein entsprechendes Album auf.
Das geht schnell – und wird meist grausig. Es gibt sie loungig, gregorianisch, digital, analog, tradiert oder interpretiert, im Reggae-, Gospel-, House-, Salsa-, Punk-, Metal-, Jazz-, Klassik- oder R’n’B-Gewand, von echten Bands, falschen Computeranimationen oder Gelegenheitssängern eingespielt – und immer wieder aus dem großen Tiegel volkstümlicher Klänge, die Absatzgiganten der Gutelaunerepublik. Als würde dem Fest ohne Andrea Berg („Dezember Nacht“) oder Florian Silbereisen („Mein Adventsfest“), ohne Zither oder Zackengitarre, ohne all die jungen, dicken, deutschen, drei bis zwölf Tenöre etwas fehlen.
Die Hersteller kippen all das auch heuer wieder in die Regale. Das Repertoire ist oft deckungsgleich. Fragt sich nur, wer für „Unsere schönsten Weihnachtslieder“ von Marshall & Alexander Geld bezahlt, wo das Klassikduo erst vor zwei Jahren einen baugleichen Titel am Markt hatte? Was reizt an Peter Alexanders Doppel-CD „Fröhliche Weihnachten“, wo er doch in vier Jahrzehnten bereits ein Dutzend Platten zum Thema gemacht hat, die sich nur leicht unterscheiden? Und weshalb sollten wir uns aktuelle Festtagsware von Sinatra, Elvis oder Johnny Cash zulegen, die, da alle drei tot sind, aus der Retorte stammt?
Das Segment lebt wie die ganze Branche von der ewigen Wiederkehr, einem Stakkato uninspirierter Kopien. Und es geht um Marketingstrategien, offenkundig wie nirgends sonst, gut erkennbar etwa an kleinen Vermerken im Hülleneck: Steht dort das Logo eines Fernsehsenders, handelt es sich um pure Werbung, die Soap-Darsteller, Castingkandidaten oder Florian Silbereisen durch die Verwertungsketten jagt. In Ermangelung eigener Ideen, trällern sie meist „gemeinfreie“ Klassiker von Komponisten, die mehr als 70 Jahre tot sind und damit das Urheberrecht erloschen ist. „Stille Nacht“ darf also nicht fehlen. Als Teil eines Samplers gehören Standards zwingend dazu, noch ein paar Coverversionen – und fertig ist das Produkt fürs Hier und Jetzt. Langlebigkeit unerwünscht. „Compilations haben eine sehr kurze Lebensdauer“, gesteht eine Mitarbeiterin beim Hersteller Edel und fügt „leider“ hinzu. Wenn Lizenzgebühren und Produktionskosten schon gegen null tendieren, ist eine geringe Halbwertszeit zu verkraften.
Sicher, es gibt auch heuer neue Perlen: Wenn Al Jarreau tradiertes Liedgut unter dem Titel „Christmas“ verjazzt, die Zisterziensermönche vom Stift Heiligenkreuz ihren Hit „Chant“ auf Weihnachten trimmen oder „The Priests“ einen schönen Belcanto über gälische Klänge legen.
Alles andere aber sind gute Argumente für die alten Scheiben daheim, für Freddys „Weihnachten auf Hoher See“ und Bing Crosby – und fürs Selbersingen. Wem das zu bieder ist: Es gibt auch weihnachtliche Karaoke-CDs. Massenhaft.

Jan Freitag

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