Aus dem Song-Schatzkästlein auf den Königsplatz: In München brachten die Eagles einige ihrer Klassiker früh, ohne die Hits jedoch zu verheizen. Foto: dorothee Falke

Musikgeschichte ohne Brimborium

München - Die Eagles zelebrieren auf dem voll besetzten Münchner Königsplatz sehr elegant ihr Amt als lebende Legende.

Es muss schon auch eine gewisse Bürde sein, zu den Auserwählten zu gehören. Klassiker geschaffen zu haben, die man nach vier Jahrzehnten noch um die Welt trägt. Die Eagles aber gehen ziemlich elegant mit dem Amt der lebenden Legende um - siehe „Hotel California“ bei ihrem Münchner Open-Air-Auftritt: Sie spielen es als vierten Song, mit einem Trompetensolo eingeführt, aber ansonsten detailgetreu wie auf der Platte. Sprich: Sie schätzen und pflegen ihr Kronjuwel noch immer - aber sie wollen ihm nicht die ganze Konzertdramaturgie unterordnen, wollen auch die Bahn frei haben für anderes.

Überhaupt kommen einige der größten Nummern („Take It To The Limit“, „Peaceful Easy Feeling“, „Witchy Woman“, „Lyin’ Eyes“) erstaunlich früh - ohne verheizt zu wirken, denn das Song-Schatzkästlein der Eagles ist nicht leicht zu erschöpfen. Und auch wenn die Tour nominell dem aktuellen Album „Long Road Out Of Eden“ gilt, streuen sie nur wenige Lieder daraus ein.

Dessen Titelsong, auf der halbkreisförmigen Projektionswand im Hintergrund von politisch aufgeladenen Bildern begleitet, bemüht sich zu sehr um heutige Relevanz: Er trägt seine US-kritische Aussage offen vor sich her wie ein Protestplakat. Das unterscheidet ihn von den großen Eagles-Werken: Die leben ja gerade von ihrer Vielschichtigkeit. Davon, zugleich den amerikanischen Traum anklingen zu lassen und seine Unverwirklichbarkeit zu besingen.

Das Genie der Eagles ist die Synthese vieler scheinbarer amerikanischer Widersprüche - und die verkörpern sie mehr denn je schon rein optisch: Timothy B. Schmit als Mischung aus Hippie-Erbe und Michael Bolton. Glenn Frey halb James Dean, halb Achtzigerjahre-Popper. Don Henley der bodenständige Rancher, das Country-Element. Und Joe Walsh mit Glitzer-Shirt der Rockstar.

Sie machen nicht viel Show-Brimborium um ihre Musik, wozu auch. Frey gibt den kalauernden Conferencier („Den Song schrieben wir vor ewigen Zeiten - damals war das Tote Meer noch lediglich krank“), Walsh in der zweiten Hälfte den Bühnen-Kobold. Eine verblüffend vielköpfige Begleittruppe im Hintergrund sorgt dafür, dass die Studioarrangements fast identisch erhalten werden. Und auch Steuart Smith muss modisch in unauffälligem Schwarz bleiben, obwohl er die eigentliche Schwerarbeit an der Gitarre leistet.

Dass da ziemlich viele ziemlich gute Musiker auf der Bühne versammelt sind, wird umso hörbarer, je mehr das Songwriter-Talent in den Hintergrund tritt: Je weniger zentral ein Stück fürs Eagles-Repertoire ist, desto mehr kommt die Band ins Jammen. So steht das Publikum auf dem voll besetzten Königsplatz erstmals im Block mit den Solokarrieren-Nummern auf (Henleys „Dirty Laundry“), klatscht mit, tanzt.

Aber es geht hier ohnehin nicht um Partystimmung. Es geht um das ehrfürchtige Gefühl, ein Stück Musikgeschichte live zu erleben. Nach zweieinviertel Stunden kommt als letzte Zugabe „Desperado“. Es ist der perfekte Schlusspunkt für Legenden, um in den Sonnenuntergang zu reiten.

Von Thomas Willmann

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