Die Musikstadt in der Akustikwüste

Münchens Konzertsäle: - An kaum einem Ort weltweit gibt es so viele hochkarätige Musikabende. Und trotzdem ist die Münchner Raumsituation denkbar dürftig. An Verbesserungen wird jetzt gearbeitet - nicht nur am Marstallplatz.

Mitten im Jubel hob Günter Wand die Arme und wies auf den Saal: Nicht nur er und das Orchester, sondern vor allem die Akustik habe diese Fünfte von Bruckner ermöglicht. Ende der 90er-Jahre war das, und zwar in der Stadthalle Wuppertal. In München, zumal in der Philharmonie, wartet man noch heute auf eine solche Geste. Leonard Bernstein plädierte stattdessen genervt für Radikales: "Brennt das Ding nieder."

Auffallend ist schon: Für die Vielzahl von Konzerten bietet man nur unzureichende Rahmenbedingungen - die Musikstadt München eine Akustikwüste? "Ich spiele am liebsten im noch zu bauenden Marstall-Saal", sagt Florian Sonnleitner, Konzertmeister beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Das ist natürlich etwas eigennützig, weil sich sein Chefdirigent Mariss Jansons für den Umbau des Marstalls zum BR-Saal einsetzt. Aber Sonnleitners Meinung spiegelt auch das wider, was München fehlt: ein Saal mit optimaler Größe und Akustik.

Die Frage ist dabei, was sich ein Musiker überhaupt von einem solchen Raum erwartet. "Alle Instrumente müssen gleich gut zu hören sein", meint Sonnleitner. "Im Publikum, vor allem aber auf der Bühne. Im Gasteig höre ich mich, vielleicht noch meinen Nebenmann, ansonsten fühle ich mich allein." Überdies müsse dem Musiker das Gefühl vermittelt werden, der Klang erreiche wirklich den hintersten Winkel des Saals.

Für Christian Gerhaher, international gefeierter Bariton mit Wohnsitz München, dürfe ein Raum auch nicht zu überakustisch, also zu hallig sein. Er ist da ohnehin Extremist: "Trocken klingende Säle finde ich gut, da kann man sich nichts vorgaukeln." Was Gerhaher noch stört: wenn das Publikum dem Künstler dicht auf die Pelle rückt. "Es geht nicht darum, dass man sich als Sänger einreiht. Kunst fordert Distanz zueinander und zum Werk."

Gleich an mehreren akustischen "Baustellen" wird derzeit in München gearbeitet. Im Falle des Marstalls will der Freistaat Realisierungsmöglichkeiten untersuchen lassen. 2010 soll die Situation in der Philharmonie verbessert werden. Und auch in den Opernhäuser wird heftig gegrübelt und gestaltet. Im Nationaltheater betrifft das die Akademiekonzerte. Bis letzte Saison spielte das Staatsorchester im "Konzertzimmer" auf der Bühne, dessen stumpfer Klang das Publikum kaum erreichte. Mit Amtsantritt von GMD Kent Nagano rückten die Musiker an die Zuhörer heran. Das Ensemble sitzt nun auf einem Teil des überdeckten Grabens, ein geschwungener Plafond und neue Seitenwände sorgen für viel mehr Präsenz. "Unser altes Konzertzimmer ist sowieso fast verfallen", sagt Direktoriums-Mitglied Ulrike Hessler. "Wir nutzen nun die gute Akustik des Zuschauerraums, am Optischen arbeiten wir noch." Nagano überwacht die Gestaltung der neuen Situation genau - selbst dann, wenn ein Kollege die Akademiekonzerte dirigieren sollte.

Einschneidender ist das, was Ulrich Peters, ab Herbst Intendant des Gärtnerplatztheaters, vorhat. Peters lässt dort eine neue Tonanlage einbauen, die vor allem bei Musicals gebraucht wird. Was aber viel ungewöhnlicher ist: Der schlechten Akustik am Gärtnerplatz soll - auch bei Opern - mit künstlichem Hall begegnet werden. "Das dient nicht der Verstärkung der Stimmen", wehrt Peters ab. Entscheidend sei allein die Fülle des Klangs.

Auch andere Räume könnten Nachbesserungen vertragen. Etwa die Allerheiligenhofkirche, die einer der schönsten Aufführungsorte Münchens ist, aber mit fast schalltotem Klang manchen Stücken den Garaus macht. Dem Max-Joseph-Saal droht dagegen schnell das überakustische Dröhnen, im ansonsten hochakzeptablen Herkulessaal verwischt im hinteren Teil der Klang, zudem ist er für Mahler oder Bruckner zu klein. Unterm Strich am besten schneidet da noch das Prinzregententheater ab, das freilich große Besetzungen ebenfalls kaum verträgt - und nur knapp 1000 Besuchern Platz bietet.

"Tragfähigkeit, Unmittelbarkeit, Eindringlichkeit und Fülle" zeichnen eine gute Akustik aus. Das meint Klang-Messias Russell Johnson, der unter anderem für das hochgelobte Kultur- und Kongresszentrum Luzern verantwortlich ist (siehe Kasten unten). Ein Saal solle sich anfühlen, "als ob Luft um die Musik wäre, als ob die Musik schwebt". Clou des Luzerner Saals ist ein Resonanzkammersystem. Hinter der Bühne und den seitlichen Balkonen sind leere Räume. Mit 52 stufenlos drehbaren Toren können diese quasi "zugeschaltet" werden, um den Saal klanglich zu weiten - bis zum Charme einer Kathedrale.

Nicht nur fürs Publikum bieten solche Finessen großen Genuss, auch für die Künstler. Denn Fakt ist: Je besser die Akustik, desto besser auch die Leistung. "Das Psychische wird immer wichtiger", bestätigt Florian Sonnleitner. "Die Technik hat man ja irgendwann, ein guter Saal lädt daher immer auch zum anspruchsvolleren Spiel ein."

Höchste Zeit also, die Akustikwüste München zu bewässern. Was, wie Christian Gerhaher findet, kaum mit einer Umgestaltung der Philharmonie funktioniert. "Wenn sich Stadträte einbilden, hier könne noch was gerettet werden, dann haben die wirklich keine Ahnung", meint der Bariton. "Steuergelder werden nicht durch den neuen Marstall verschleudert, das ist bereits mit dem Bau des Gasteig geschehen."

Welcher Saal hat die beste Akustik?

Der Begriff "Akustik" stammt vom griechischen "akuein" (hören). Akustik ist also die Lehre vom Schall und seinen Wirkungen. Sie beschäftigt sich mit der Erzeugung, der Ausbreitung, der Reflexion und der Absorption von Schallwellen.

Als idealer Konzertsaal gilt die Form einer "Schuhschachtel". Gemeint ist ein rechteckiger Grundriss, bei dem die Bühne an einer der beiden schmalen Seiten positioniert ist. Je schlanker der Saal ist, desto besser die Akustik, da nah beieinander stehende Wände den Schall leichter zum Publikum lenken. Auch Balkone sind wichtige Reflektoren. Stuck und Verzierungen sorgen für eine gewollte Klang-Streuung.

Die besten Säle sind unter den rechtwinkligen Grundrissen der Große Saal des Wiener Musikvereins (1870), das Concertgebouw Amsterdam (1886) und der Saal in Luzern (1998). Ganz oben in der Bestenliste rangiert bei den übrigen Architekturen die Berliner Philharmonie (1963).

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare