Man muss erstmal verstehen lernen

- George und Lennie leben sehr weit weg, im Kalifornien der 1930er-Jahre und in Verhältnissen, die heute kaum mehr vorstellbar sind. Sie sind vagabundierende Farmarbeiter und können nirgendwo fest machen. Auch weil der geistig zurückgebliebene, kräftige und gutherzige Lennie stets aufs Neue in Schwierigkeiten gerät. John Steinbecks Roman "Von Mäusen und Menschen" aus dem Jahr 1937 hat in der Inszenierung des Schweizers Beat Fäh morgen in Münchens Theater der Jugend, der Schauburg, Premiere (19.30 Uhr). Und Hussam Nimr spielt den unglücklichen Lennie.

Nun ist der 37-jährige Nimr ganz und gar kein tölpelhafter Kleiderschrank wie Lennie, der leicht mal ein Hündchen erdrückt, sondern eher von drahtiger Statur. Aber mit der Darstellung der naiven Bedrohlichkeit der Figur hätte sich Nimr ohnehin nicht zufrieden gegeben: "Lennie weiß nicht, wie er sich im sozialen Gefüge verhalten soll. Ihm fehlt das Abstraktionsvermögen, und durch Abgucken kommt er nicht weiter. Andererseits hat er das starke Verlangen, alles Zarte und Pelzige zu streicheln, ohne zu wissen, wie er es anfassen darf. Das zu zeigen, hängt nicht von der Physis ab."

"Fallstudien fürs Extreme."

Hussam Nimr

Den Lennie als geistig Behinderten zu spielen, das ging nicht, "das war zuviel für den Zurückgebliebenen". Also hat Nimr Fallstudien betrieben - etwa "bei einer Person in Schwabing, die gar nichts davon weiß. Sie ist jetzt in die Figur eingeflossen." Zudem schöpft der Schauspieler für diese Rolle aus eigenem Erleben in der Schulzeit: "Eine Lehrerin ging mich so hart an, dass ich die richtigen Antworten nicht formulieren konnte, obwohl ich sie wusste. So ähnlich geht es Lennie."

Was aber kann man jugendlichen Zuschauern mit so einer Figur erzählen? "Interessant ist diese merkwürdige Freundschaft. Was ist für George das Positive daran, dass er sein Leben mit einem wie Lennie beschwert? Was bedeutet mir ein Wesen, obwohl es mich belastet?"

Weil die Münchner Schauburg mit ihrem Jugendtheater einen eher erwachsenen Ansatz verfolge, weil sie alles kindlich Niedliche meidet, ist Nimr überhaupt erst nach München gekommen. Das war 2004, als Regisseur Gil Mehmert ihn für Gerhart Hauptmanns "Weber" aus Hildesheim holte. Das dortige Stadttheater war nach dem Jungen Theater Göttingen die zweite Berufsstation des in Heidelberg geborenen Sohnes eines Palästinensers und einer tschechisch-russisch-deutschen Mutter.

Ein Glück sei es für ihn, dass er in seinem Beruf bislang mit oft extremen Rollen besetzt wurde, für die er Fallstudien betreiben musste: "Es reizt mich, mir das jeweils mimische und gestische Werkzeug einer Person so zu eigen zu machen, sodass es tief aus dem Inneren kommt, obwohl man selbst so nicht ist."

Und während Hussam Nimr bei Lennie eher diese schlichte Verkörperung erreichen soll, will er auf die intellektuelle Auseinandersetzung nicht verzichten. Deshalb beschäftigt er sich zur Übung derzeit mit Dostojewskis "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch": "Da erreicht man mit Verkörperung gar nichts. Man muss erst einmal verstehen lernen."

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