Da muss ich hin, das ist Basisarbeit

- Wie man als Sänger auf Bayreuths geheiligte Bühne kommt? Ganz einfach: Frech sein, völlig unbedarft bei Chorleiter Norbert Balatsch nach einer Vakanz fragen - und den realistischen Satz im Hinterkopf behalten: "Das wird eh nix." Es wurde etwas. Wolfgang Wirsching bekam seine Chance und wirkte im Mannen-Chor von Dieter Dorns "Holländer"-Inszenierung mit. Zum Grünen Hügel gab's für ihn ohnehin keine Alternative: "Wenn man in Kulmbach aufwächst, dann ist Bayreuth halt das einzige Opernhaus in Reichweite."

<P>Mittlerweile hat Wolfgang Wirsching die Solo-Laufbahn eingeschlagen, in München ist er vor allem durch seine Auftritte in der Pasinger Fabrik bekannt. Mit seinem quirligen, ansteckenden Spielwitz und seinem unverbrauchten, agilen Bariton ist er die Idealbesetzung für Rossinis Dandini ("La Cenerentola"), Humperdincks Vater ("Hänsel und Gretel") oder, wie in diesen Wochen dort zu erleben, für Haydns Pasquale ("Ritter Roland"). Und für diese Pasinger Taten bekommt Wirsching heuer den von Verleger Dirk Ippen vergebenen Merkur-Förderpreis.<BR><BR>Schon früh war klar, dass der Oberfranke Sänger werden wollte. Als Knabensopran erhielt er seine erste Gage, die Eltern überwiesen das Geld auf ein Konto - zur späteren Finanzierung des Studiums. Wirsching belegte dann in München die Fächer Pädagogik und Gesang, studierte unter anderem beim renommierten Liedbegleiter Helmut Deutsch. Und Letzterer sorgte auch dafür, dass bei den Eltern Zweifel ausgeräumt wurden: "Herzlichen Glückwunsch zu diesem Sohn", hat Deutsch gesagt - da war Wolfgang Wirschings Papa endlich überzeugt.<BR><BR>Dass sich Wirsching fortan für den Oratorien- und Liedsektor interessierte, hat mit seiner Skepsis gegenüber dem Opernbetrieb zu tun. "Oper fand ich irgendwie inkonsequent, unehrlich. Ich hatte keinen Regisseur kennen gelernt, dem ich wirklich vertrauen konnte." Zu viele, so kritisiert der Bariton, könnten nicht mit Sängern umgehen, könnten nicht einmal Noten lesen, würden auch nur sich selbst verwirklichen.<BR><BR>Vorwürfe, die jedoch nicht grundlosem Grant oder eitlem Solisten-Gehabe entspringen, sondern die vielmehr von Wirschings selbstbewusster Reflexion - und seiner tiefen Liebe zum Genre künden. Denn letztlich hat er doch sein Herz ans Musiktheater verloren: "Wenn Regisseur Dominik Wilgenbus nicht gewesen wäre, hätte ich nie zur Oper gefunden." Seine "Fledermaus" hat Wirsching in Pasing gesehen und gewusst: "Da muss ich hin, das ist Basisbarbeit."<BR><BR>Zu den regelmäßigen Engagements in Pasing kamen auch Auftritte beim Freien Landestheater Bayern. 21 Mal war Wirsching in Mozarts "Zauberflöte" der Papageno, 28 weitere Aufführung werden folgen. Doch eigentlich sieht er seine Zukunft woanders: "Wenn ich mich irgendwo auskenne, dann beim Lied. Von Schuberts 656 Liedern habe ich rund 200 im aktiven Repertoire." Was ihn gerade an Schubert reizt? "Jede kleine Notenverschiebung, jeder Akzent, das alles sagt hier so viel. Ich kenne keinen ehrlicheren Komponisten." Auf eigene Faust hat er daher schon Liederabende veranstaltet, demnächst folgt ein Schubert-Programm nach Texten des Schriftstellers Peter Härtling.<BR><BR>Liedsänger, Opern-Solist und Chorleiter</P><P>Neben seinen Solo-Aktivitäten leitet Wolfgang Wirsching noch zwei Chöre. Und die Musik bestimmt auch sein Privatleben: Seit zwölf Jahren ist er mit einer Sängerin des Augsburger Stadttheater-Chores befreundet - zwei Sänger, passt denn das zusammen? "Es geht nur so", sagt Wirsching lachend. "Wenn man mal abends über seine Auftritte reden will, hat der andere wenigstens Verständnis dafür."<BR><BR>Zweifel am Beruf seien ihm schon gelegentlich gekommen, räumt der Preisträger ein. "Manchmal frage ich mich: Will ich immer von meiner Stimme abhängig sein? Ist ein Job bei Aldi nicht die bessere Alternative? Doch so etwas kommt mir nur kurz in den Sinn." Die "Gefahr der Unkontrollierbarkeit" mache seinen Beruf schließlich spannend. Außerdem: Wolfgang Wirsching ist keiner, der am Tag der Aufführung nicht spricht, der ständig mit weißem Schal durch die Stadt läuft. "Ich bin doch nicht Künstler geworden, um mich zu kasteien!"</P><P><BR> </P>

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