Man muss weitermachen

- "Ich fühle mich schlicht überwältigt. Ich war sprachlos. Ich muss diese Sprachlosigkeit verlieren, wenn ich nach Stockholm fahre." Harold Pinter, der vor wenigen Tagen seinen 75. Geburtstag gefeiert hat, kann dieses nachträgliche Geschenk noch gar nicht fassen. Aber bis zum 10. Dezember, dem Tag der königlichen Preisverleihung, wird er sich daran gewöhnt haben, so plötzlich und unerwartet auf der höchsten Stufe der Karriere eines Schriftstellers angekommen zu sein.

Theater als politischer Ort Der Literaturnobelpreis für ihn, der doch auf den Bühnen der Welt durchaus nicht mehr so präsent ist, wie er es in den 60er- bis 80er-Jahren war! Zumindest in Deutschland ist es um den Dramatiker still geworden, der in seinen Stücken einerseits virtuos mit der Doppelexistenz der Menschen, mit Schein und Sein spielt, andererseits bewusst und prononciert die Bühne als Ort politischer Stellungnahme nutzt. In München jedenfalls wurde Pinter zuletzt an den Kammerspielen gezeigt: "Die Heimkehr", 1986, und, sein berühmtestes Werk, "Der Hausmeister", 1995.Die Überraschung, dass der Brite heuer den Nobelpreis erhält, war nicht nur für den Geehrten selbst groß. Ebenso staunte man auch im Ursprungsland Schweden, als gestern Mittag Horace Engdahl, Sekretär der dortigen Akademie, den Namen des Dramatikers nannte. "Es scheint, als wollten die Nobeljuroren die Überraschung zum Prinzip und zu einer Tugend an sich machen", so ein skandinavischer Experte.Aber die Juroren können ihre Entscheidung überzeugend begründen: Pinter sei ein Autor, "der in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freilegt und in den geschlossenen Raum der Unterdrückung einbricht". Seine Stellung als moderner Klassiker werde, so die Juroren, deutlich durch das Adjektiv "pinteresk", das eine gewisse Stimmung und ein gewisses Milieu beschreibe. Sie ehren den Schriftsteller dafür, dass er in seinen Werken Menschen in den Mittelpunkt stelle, unter deren äußerlicher Biederkeit sich bedrohliche Tendenzen verbergen oder die Opfer einer solchen Bedrohung werden.Harold Pinter stammt aus einer jüdischen Kleinbürgerfamilie. Er wurde am 10. Oktober 1930 in London geboren und wuchs im Arbeiterviertel Hackney auf. Er studierte an der Royal Academy of Dramatic Art, war Schauspieler, Regisseur, vor allem aber Stückeschreiber. Über 30 Dramen. Von Schauspielern sehr begehrt, denn der Autor versteht es, ihnen wirkungsvolle Rollen zu liefern.Auf die Frage, welche Wirkung er als Autor beabsichtige, sagte er einmal: "Ob ich schreibe, ob sich hier und da Stimmen erheben, die Menschen auf den Straßen demonstrieren - schließlich und endlich ist das alles hoffnungslos. Man erreicht nichts . . . Und doch darf man nicht aufhören." Und den alten Sam Beckett in seinem Stück "Der Namenlose" lässt er sagen: "Man muss weitermachen, ich kann nicht weitermachen, man muss weitermachen, also werde ich weitermachen."

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff
Hamburg - Jörg Widmanns monumentales und mehrheitsfähiges Oratorium „Arche“ ist eine Maßanfertigung für die Hamburger Elbphilharmonie. Die Konzertkritik.
Stapellauf fürs Themenfrachtschiff

Kommentare