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Ungleiches Paar: Vesselina Kasarova (Carmen) ließ sich von Brandon Jovanovich (Don José) die Schau stehlen.

Der Muster-Spanier aus Montana

München - Nationaltheater: „Carmen“-Wiederaufnahme mit Vesselina Kasarova und Brandon Jovanovich. Hier finden Sie die ausführliche Kritik:

Tenor-Mangel, das war einmal. Zumindest die Bayerische Staatsoper führt gerade vor, dass dem Kaufmann-Villazón-Calleja-Breslik-Zirkel beängstigende Konkurrenz erwächst. Gerade brachte beim Tokio-Gastspiel der junge Russe Alexey Dolgov als Roberto Devereux Edita Gruberova zum herbstlichen Erglühen, nun muss man sich schon wieder einen Namen merken: Brandon Jovanovich, Münchens aktueller Don José, geboren im US-Staat Montana und gesegnet mit einer Stimme, der man sowohl den Testosteron-Protz also auch den zärtelnden Liebhaber abkauft – kurz: die ideale Besetzung als Carmen-Partner.

Eigentlich war diese Wiederaufnahme im Nationaltheater ja als Schaulaufen von Münchens Lieblings-Mezzo geplant. Vesselina Kasarova als Carmen, das hätte eine aparte Anti-Klischee-Aktion geben können. Doch ungewollt bewies die Kasarova, dass nicht Bizet, sondern Barock ihr Heimspiel ist. Dort, wo vokaler Zierrat Puzzelei erfordert, wo das Artifizielle legitimes Ausdrucksmittel ist. Bei der Carmen verfängt solch Gestaltungswut nicht: Stimmlich gewachsen ist Vesselina Kasarova Bizets Fabrikarbeiterin durchaus. Doch im Bestreben, jedes Sechzehntel mit Extra-Ausdruck aufzuladen, verkünstelte sich der Star. Eine Interpretation der Interpretation gewissermaßen. Und das bei einer Partie, die nach Unverblümtem, Schmucklosem verlangt. Gebremster Applaus daher für die Kasarova, während Aga Mikolaj für die mütterlichen Seelentöne ihrer Micaela heftig gefeiert wurde. Dan Ettinger ist der perfekte Mann fürs unterprobte Repertoire: Routine gibt’s bei ihm nicht, immer wieder versuchte der Mannheimer Chefdirigent, Übergänge zu zaubern, Extra-Phrasierungen und -Details aus dem Staatsorchester zu kitzeln.

Fast überbesetzt schien Gerald Finley bei seinem Rollendebüt als Escamillo – kein Draufgänger, sondern ein formvollendeter Torero, bei dessen fein und hintergründiger Erotik es trotzdem heftig knisterte. Als Gegenbild zum José von Brandon Jovanovich funktionierte das bestens: Der Amerikaner mochte zwar (noch) nervös wirken. Doch wer mit solcher natürlicher Intensität den Abend an sich reißt, wer vor allem die Blumen-Arie (als derzeit Einziger) im delikaten Piano mit einem hinreißenden Schwellton abschließen kann, der empfiehlt sich für mehr. Warum eigentlich nicht für die „Hoffmann“-Premiere?

Nächste Vorstellungen

am 12., 15., 18., 21.10.;

Telefon 089/ 21 85 19 20.

Von Markus Thiel

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