Der 14-jährige Mozart komponierte „Betulia Liberata“, ein Oratorium um Judith: Hier die Riesenentdeckung Alisa Kolosova als Giuditta. Foto: Silvia Lelli/Festspiele

Muti und die starken Sänger

Salzburg - Es ist eine musikalische Hommage an die Metropole unweit des Vesuvs: Zum vorletzten Mal widmeten sich heuer die Salzburger Pfingstfestspiele Neapel. Lockmittel war wieder Star-Dirigent Riccardo Muti, einer der großen Söhne der Stadt.

„So viel liegt noch rum“, schwärmt Markus Hinterhäuser. Was der Konzertchef der Festspiele meint: all die Archive und Bibliotheken, wo sich die Regale biegen mit unentdeckten Partituren. Stoff für jahrzehntelange Festivals à la neapolitana also. Violinist Giuliano Carmignola geht es ähnlich. Auch bei ihm liegt manches rum. Zu Füßen, neben dem Notenständer. Fliegende Blätter. Zu Boden Gegangenes nach dem Hit dieses Vormittags, den groovigen „Bizarrerien“ aus den „Ayres“ von Nicola Matteis.

Carmignola grinst und sortiert, das Publikum gluckst und amüsiert sich übers Hallo-wach-Programm im Mozarteum. 80 Minuten Sonaten für Violine, alle von Neapolitanern. Mindestens vorklassische Schlagermeister sind das, eigentlich aber Vorausahner des Jazz. Carmignola genießt mit den Mitstreitern Riccardo Doni (Cembalo), Ivano Zanenghi (Laute) und Francesco Galligioni (Cello) die Off-Beats bei Francesco Geminiani oder den flirrenden Zierrat bei Nicola Matteis. Emanuela Barbellas B-Dur-Sonate über Arlecchino samt Gschpusi wird zur drastischen Oper ohne Szene und Gesang. Und weil der Größte unter ihnen, Domenico Scarlatti, nichts Passendes hinterließ, wurden für diese Besetzung drei Cembalo-Sonaten umgemodelt. Jubel im Saal - doch da sind Lücken: So ganz hat das hochkarätige „Beiprogramm“ der Pfingstfestspiele nicht eingeschlagen.

Für ein volles Haus braucht es in Salzburg schon Oper, am liebsten mit Pfingst-Star Riccardo Muti, der dieses Wochenende seit 2007 mitkonzipiert, dabei Salzburg samt Musikwelt das Staunen lehrt übers Füllhorn Neapel und über die Komponisten, die sich davon beeinflussen ließen. Zum Beispiel Mozart. Das Opus „Betulia Liberata“ des 14-Jährigen stand im Mittelpunkt des Festivals - und wurde zudem Niccolò Jommellis Vertonung desselben Stoffes gegenübergestellt, die Muti in einer konzertanten Aufführung dirigierte.

Mozarts Früh-Stück ist zwar keine Oper, aber ein Oratorium, eine „Azione sacra“, in der Geniefunken aufblitzen und die es zur Bühne drängt. Vorausgesetzt, ein Regisseur macht ihr den Weg frei. Doch Marco Gandini bestätigt im Haus für Mozart das Naturgesetz: Muti und spannungsvolle, ambitionierte Regie, das schließt sich aus.

Von Mozarts Furor

ist wenig zu hören

Es staubt also von der Bühne. Und das, obgleich Hintersinniges bis Haarsträubendes verhandelt wird: Betulia wird von den Assyrern belagert, die Eingeschlossenen schwanken zwischen Gotteshoffnung und Ergebung, da schleicht sich Giuditta (Judith) ins gegnerische Lager, um Holofernes den Kopf abzuschlagen. Textdichter Metastasio nutzt das zum spitzfindigen, religionsphilosophischen Diskurs, Mozart für eine zuweilen formelhafte, oft unbekümmerte Partitur, an der die Sänger hart zu beißen haben.

Und wieder wartet Maestro Muti mit starken Sängern auf, die man noch nicht auf dem Radar hatte. Die 23-jährige russische Mezzosopranistin Alisa Kolosova etwa. Was für eine Stilistin. Was für eine geschmackvolle, reife, selbstsichere Gestalterin. Was für eine Stimme, die nie auftrumpft: herb, biegsam, apart gefärbt, technisch enorm versiert - eine Riesenentdeckung. Auch Michael Spyres als Betulia-Fürst kommt mit der Tenorrolle des Ozia, die auf Idomeneo vorausweist, hervorragend zurecht, gewinnt ihr virile Momente, geschmeidige Koloraturstrecken, vor allem aber viele feine Nuancen ab. Diese Sänger an einem Power-Mozart-Abend, das wär’s. Doch die Regie spielt Bibel in Zeitlupe: Wallegewänder, Gesten zwischen Eingefrorenem und Alt-Pathos. Einzig Italo Grassis Bühne mit den ineinander verschränkten, gebogenen Wänden, diesem Betulia als Betstube und einer Giuditta auf effektvoll schwebender Scheibe, bietet Hinschau-Qualitäten. Im Graben hat Muti das von ihm gegründete Orchestra Giovanile Luigi Cherubini auf gepflegte Eleganz geeicht. Es wird geschlossen, genau, federnd und gut erzogen musiziert, doch vom Furor des komponierenden Teenies ist wenig zu hören.

Adrenalin-Stoß mit Fabio Biondi

Ganz anders 24 Stunden später im Mozarteum, wo die Bühne unter einer Extra-Dosis Adrenalin steht. Das liegt an Johann Adolph Hasse, dessen grandiose Oper „Piramo e Tisbe“ fast parallel zu „Betulia Liberata“ entstand. Vor allem aber liegt es an den Beteiligten: Wo Muti zwei, drei Farben bietet, wartet Fabio Biondi und sein offensiv gelauntes Ensemble Europa Galante in der konzertanten Aufführung mit einer funkelnden Palette auf. Vivica Genaux (Piramo) und Désirée Rancatore (Tisbe) singen dramatisch ohne Drücker, mit Verzierungsgeschmack und nie äußerlichem Affekt, der junge Emanuele D’Aguanno gibt nicht Tisbes Polter-Vater, sondern einen heftig bewegten Kämpfer.

Hautnah wird erlebbar: Hasse, der Norddeutsche mit neapolitanischem Erfolg, hätte längst alle großen Bühnen verdient. Aber womöglich ändert sich solches auch mit den Pfingstfestspielen, die auf Missionar Muti bauen. 2011, im Finaljahr, dirigiert er in Salzburg unter anderem Mercadantes „I due Figaro“, quasi Teil zwei von Mozarts „Hochzeit des Figaro“. Danach kommt Alexander Pereira, der neue Intendant für Sommer und Pfingsten. Was also passiert mit Letzterem? „Das jetzt ist ja kaum zu toppen“, sagt Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler gewohnt süßsauer. „Er wird seine Pläne schon selber vorstellen.“

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