Mutige Demontage

- Irgendwann ist es dann doch soweit: Ein paar tanzwütige Damen stürmen an den Bühnenrand und beginnen, sich ansehnlich zur Musik zu bewegen. Nicht einmal die sterile Atmosphäre der musikalischen Aussegnungshalle, die in München als Philharmonie fungiert, kann die lebensfrohe, mitreißende, unwiderstehliche Combo von Goran Bregovic daran hindern, ansteckend gute Laune zu verbreiten. So muss dann Bregovic selber ein wenig bremsen und um Verzeihung bitten, dass zunächst ein etwas getrageneres Stück komme. Aber für das Tanzen gäbe es später noch ausreichend Gelegenheit. Der 56-Jährige sagt es mit einem zufriedenen Lächeln - er hat es wieder geschafft. Alles andere als Enthusiasmus bei seinem Konzert wäre eine Enttäuschung.

Seit Jahren entwickelt der Mann, ähnlich wie ein Jazzmusiker, sein Repertoire weiter. Kein Lied wird so gespielt wie bei der letzten Tournee, und die Besetzung seiner Kapelle für Hochzeiten und Beerdigungen wechselt ständig. Diesmal reist er mit acht Bläsern, drei Sängerinnen und dem musikalischen Chamäleon Alen Ademovic an, der abwechselnd Schlagwerk, Akkordeon und Gesang übernimmt. Auf Streicher und den Männerchor verzichtet Bregovic diesmal. Der dicht gewobene Klangteppich, der den Reiz bei Bregovics Auftritten ausmachte, ist harten und mitunter fast schon dissonanten Arrangements gewichen.

Diese mutige Demontage der eigenen Kompositionen entwickelt ungeahnte Kraft. Disparat angelegt, lässt Bregovic den Stimmen und Instrumenten viel Raum. Gelegentlich scheinen sich die Lieder darin regelrecht zu verlieren und auseinander zu brechen. Aber kurz bevor es soweit ist, fügt sich dieses clever organisierte Chaos wie durch ein Wunder immer wieder zu berückender Musik. Am schönsten und bewegendsten wird es dabei immer, wenn Bregovic leise Töne anschlägt und die phantastischen Stimmen seiner Sängerinnen exponiert.

Das Publikum, eigentlich in ekstatischer Partylaune, verharrt andächtig, und man staunt, wie so viel Schönheit in so wenige Töne passt. Aber ehe die Stimmung melancholisch werden kann, wird wieder rumpelnde Balkan-Polka gegeben. Und die Philharmonie tanzt, so wie es sein muss bei anständigen Hochzeiten und Beerdigungen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare