Mutige Entscheidung

- "Ich bin nicht schuld, dass es so gekommen ist." Ein Satz in Max Frischs "Stück in zwölf Bildern", der einen trifft. Denn diese Aussage, die die braven Andorraner verlegen vorbringen, nachdem vor ihren Augen ein Mord geschehen ist, steht auch über unserem Leben. Das Berliner Ensemble hat sich an "Andorra" (Uraufführung 1961) gewagt, das einst höchst erfolgreiche, nun ziemlich herablassend behandelte Drama über Antisemitismus im Besonderen, über die Macht der Klischees im Allgemeinen. Claus Peymann, Prinzipal am Schiffbauerdamm, hat in Hinblick auf Kriegsende und Judenmord-Mahnmal den Text ernst genommen. Was heutzutage mutiger ist, als trendige Jungspunde und ihre Ego-Probleme auf die Bühne zu heben.

<P>Mit dieser Widerstandsaktion stemmt sich Peymann wohl auch gegen Veranstaltungen wie das Berliner Theatertreffen, das dem Modischen nachläuft. "Andorra" mag als Schulstoff-altbacken belächelt werden, klar und schnörkellos im BE erzählt (allerdings zu langsam die "Bild"-Wechsel), entwickelt es die Kraft eines politischen Klassikers. In einem weißen Keil-Bühnenbild mit verzerrender Optik (Peter Friedrich) erfüllt sich das Schicksal Andris (Henning Hartmann), den man für einen Juden hält. Er habe alle "typisch jüdischen" Eigenschaften, behaupten die Andorraner, sei ganz anders als sie selbst. Und als der judenmordende Feind das Land überfällt, sind sie froh, den Burschen opfern zu können. <BR><BR>Andri ist kein Jude. Max Frisch zeigt, dass man das nicht ist, sondern dazu gemacht wird. Die Inszenierung arbeitet diese Analyse heraus. Ohne Sentimentalität. Aber mit Gefühl. Insbesondere Hartmann gibt Andri eine innige Ehrlichkeit, eine Lebensfrische, eine Leidenstapferkeit, die "Andorra" Wahrhaftigkeit und Wirklichkeit verschaffen. Die Freude über die Lehrstelle, die zarte Liebesgeschichte, die Konflikte mit den Alten und ihren Lebenslügen - das wirkt absolut nicht ältlich. Und klug von Peymann: Er macht mit Frisch deutlich, dass sie beide wie wir alle mit Klischees arbeiten. Die Verstrickung bleibt.<BR></P><P>Tel. 030/ 28 40 81 55.</P><P><BR> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
„Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“-Macher: Öffentlicher Auftritt in München
München - Bisher versteckte sich der Kopf hinter einer der gerade erfolgreichsten deutschen Facebookseiten. Jetzt tritt er erstmals öffentlich auf. Was ist das für 1 …
„Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“-Macher: Öffentlicher Auftritt in München

Kommentare