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Schriftsteller Martin Walser verfolgt in „Muttersohn“ – hier die Coverillustration – konsequent die Themen Glaube, Menschlichkeit und die Qual einer unerfüllten Liebe.

Mutige Glaubensforschung: Walsers neuer Roman "Muttersohn"

München - Muttersohn - beileibe nicht Muttersöhnchen. Percy Anton Schlugen ist weder Weichei noch markiger Macho. Der junge Mann mit der rundlichen Figur und dem federnden Schritt ist die große Ausnahme.

Und damit zielt der neue Roman von Martin Walser (Jahrgang 1927), „Muttersohn" genannt, stets in Andeutungen und stets unausgesprochen auf die vollkommene Ausnahme: auf Jesus und Maria.

Percy ist von einem unerschütterlich Respekt vor dem anderen geprägt, von einer liebevollen Hinneigung, die nichts mit der Gleichgültigkeit einer Wischiwaschi-Toleranz zu tun hat. Er scheint, obwohl ursprünglich Krankenpfleger, zu leben wie die Vögel, von denen es in der Bibel heißt (Matthäus 6, 26): „Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie.“ In Percys Fall geschieht das durch Pfarrhäuser und psychiatrische Anstalten „zwischen Bodensee und Donau“. Denn der Mann, der von Ort zu Ort wandert, ist begnadet im Umgang mit den seelische Versehrten.

Zu ihnen gehört auch seine Mama Fini. Nicht weil sie im Alter wunderlich ist und partout durch akribisch nachgrabende Ahnenforschung Percys adelige Wurzeln freilegen möchte, sondern weil ihre früheren Jahre von Schmerz geprägt waren. Außer dem Vater - ein Marien-Verehrer! - war die Verwandtschaft von einer Art eiskalter Bäuerlichkeit. Der Mann, den sie nach fröhlich-spritzigem Briefwechsel heiratete, versteckte lediglich seine Homosexualität hinter der Ehe, war überheblich und gewalttätig. Aus der Lebenskatastrophe, die sie an den Rand des Suizids treibt, reißen sie die unerfüllte Liebe zu dem Demontrations-Redner Ewald Kainz - und vor allem die Geburt Percys 1977, ihres Lebensglücks: „Du bis ein Engel ohne Flügel...“ Dem Buben erzählt sie immer wieder, dass er ohne männliche Beteiligung zustande gekommen sei. Jenem Traummann von Mutter Fini begegnet Percy Schlugen Jahrzehnte später in der geschlossenen Abteilung des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen, eines früheren Klosters. Ewald aber verweigert jeglichen Kontakt: ein Fall für Percy.

Martin Walser hatte bereits in „Mein Jenseits“ (Berlin University Press, 2010), das nun ein Abschnitt in dem aktuellen Roman bildet, von dem Scherblinger Haus erzählt. Und positionierte es mit seinem Leiter Professor Feinlein und dessem Konkurrenten Bruderhofer zwischen einfühlsamer Seelenheilkunde und chemiegestützter Psychiatrie - und zwischen Gläubigkeit und Wissenschaftsratio. Denn Augustin Feinlein ist nicht nur verwandt mit einigen Scherblinger Äbten von einst, sondern forscht sogar über Reliquien, insbesondere das dort aufbewahrte „Heilige Blut“. Walser verfolgt konsequent in „Muttersohn“, was in „Mein Jenseits“ zu entdecken war: Glaube, Menschlichkeit und die Qual einer unerfüllten Liebe.

Die beiden letzteren Stoffe sind Lebens-Motive in Martin Walser Œuvre. Aber beim Thema Glaube geht er auf seine alten Tage noch einmal voll ins Risiko. Das allein nötigt Respekt ab. Hinzu kommt, dass der Künstler nicht einfach von netten Menschen und guten Taten erzählt, auch nicht von blitzgescheiten Theologen, er bringt vielmehr mit den Reliquien oder der jungfräulichen Geburt eine Gläubigkeit in den Roman, die für viele heute - auch für Katholiken - nicht mehr nachfühlbar ist. Exemplarisch führt das Walser in einer Talkshow-Szene vor. Percy legt vor der verständnislosen Journalistin Susi sein wunderschönes Glaubensbekenntnis zum Glauben ab: „Glauben, das ist eine Fähigkeit. Eine Begabung. ... Glauben, das ist eine Gleichung, die nie aufgeht. ... Manchmal möchte ich laut aufschreien aus nichts als Glaubensübermut. ... Es gibt keine zwei Menschen, die dasselbe glauben. Jeder hat nur seinen Glauben. Der Glaube, das ist die Handschrift der Seele.“ So sehr durch die Faszination des Autors an Volksfrömmigkeit, Glaubensgrundsätzen und Mystik von Seuse bis Swedenborg der Glaube in den Roman verwoben wurde, so sehr spürt man doch Walsers Zweifel. Das macht das Buch weit über die diversen Geschichten und Schicksale, die wunderbar üppige und charmant humorvolle Erzählweise hinaus spannend - weil man als Leser auf mehreren Ebenen herausgefordert wird.

Der Schriftsteller baut dabei ohne Angst vor Kitsch positive Utopien auf. Neben dem gütigen Schlugen (zu ahnen die Beziehungskette Percy/ Parcival-Gral-Heiliges Blut) gibt es den liebenswürdigen Feinlein, so manchen sympathisch-schrulligen Kranken (wobei das Wort nicht stimmen will), die hilfreiche und musikalisch begeisterte Elsa Frommknecht oder den reichen Schweizer Modest Müller-Sossima. Er will in einem leerstehenden Kloster eine „Akademie für Unvollendete“ einrichten. Dass es bei dem hintersinnigen Titel nicht nur um abgebrochene musikalische Ausbildungen geht, ist klar.

Seine eigenen Idyllen unterwühlt Martin Walser allerdings immer wieder mit den negativen Seiten der Existenz: Qual, Verlust, Angst, Hass und Tod. Percy, der vor Jahren an Weihnachten vom Tod errettet wurde, wird jetzt an Weihnachten ermordet. Von einem, der den Hass zu Religion erheben will.

Simone Dattenberger

Martin Walser:

„Muttersohn“. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 505 Seiten; 24,95 Euro.

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