Der mutige Konservative

- Kann einem Autor etwas Besseres passieren, als gespielt zu werden - an großen Theatern und auch an den kleinen, uraufgeführt von den besten Regisseuren und den bekanntesten Schauspielern? Nein, es kann ihm nichts Besseres passieren.

Doch dass es so ist, dafür ist der Schriftsteller, im konkreten Fall Botho Strauß, selbst verantwortlich. Zu seinem großen literarischen Talent, seiner Sprachkundigkeit, seinem genauen, die Gesellschaft röntgenhaft durchdringenden Blick und seiner verzweifelten, mit Ironie gepaarten Liebe kommt die eiserne Disziplin des Schreibens. Nicht zuletzt macht auch der Fleiß den Dichter. Und Botho Strauß ist einer der ersten im Lande.<BR><BR>Heute wird der in Naumburg an der Saale Geborene und in Berlin Lebende 60 Jahre alt. Darum auch lesen an diesem Abend im Staatsschauspiel-Marstall Cornelia Froboess, Gisela Stein und Jens Harzer Texte des Autors. Quasi als verspätetes Geburtstagsgeschenk gibt's - mit eben jenen Schauspielern - Ende Januar die nächste Strauß-Uraufführung: Fürs Münchner Residenztheater inszeniert Dieter Dorn "Die eine und die andere". Wenige Wochen später ziehen Luc Bondy und das Berliner Ensemble nach - mit Edith Clever und Jutta Lampe. Und noch in dieser Saison, nämlich im Juni, gibt's am gleichen Ort eine weitere Uraufführung: "Schändung" in der Regie von Claus Peymann.<BR><BR>Aber Botho Strauß ist nicht allein Stückeschreiber. Seinen melancholischen, bisweilen beißenden Witz, seine Aphorismen-gesättigte Sprache dienen auch dem Prosaautor zur genauen Zeichnung der Figuren. Sein jüngster Band: "Der Untenstehende auf Zehenspitzen" (Carl Hanser Verlag), in dem es u. a. heißt: "Befindlichkeiten sondieren, das ist, als wollte einer Badeschaum an die Wand nageln . . . Denn das meiste ward nicht, wie es versprach zu werden."<BR><BR>So wenig lassen sich bislang auch die Personen der Strauß-Stücke "festnageln". Nie gibt der Autor ihr Geheimnis preis. Das macht sie spannend und überspannt, wunderlich, vielfach verrückt, mystisch gar und letztlich doch immer auch ganz einfach. <BR><BR>Genauso interessant und rätselvoll ist Botho Strauß selbst. Er könnte in München, wo Dieter Dorn mit seinen Inszenierungen etwa von "Groß und klein", "Schlusschor" oder "Ithaka" schon zu Kammerspiele-Zeiten für ausverkauftes Haus sorgte, gewiss unerkannt über die Maximilianstraße gehen. Denn der Dichter meidet die offizielle Öffentlichkeit, selbst den Büchner-Preis hatte er nicht persönlich entgegengenommen. Interviews gibt er so gut wie keine, und auch fotografieren lässt er sich nur alle Jubeljahre. Strauß spricht durch sein Werk, das ihn als unangepassten Konservativen der Kultur, als mutigen Zeitgeistgegner identifiziert und, ja, auch auszeichnet.<BR><BR>Mitunter aber gibt Strauß seine Meinung direkt preis, zum Beispiel in einem Essay im "Spiegel". Etwa 1993. In seinem umstrittenen gesellschaftspolitischen Befund "Anschwellender Bocksgesang" hatte er nach der deutschen Wiedervereinigung linke Frustrationen und Fehleinschätzungen für rechte Verblendungen und Gefahren verantwortlich gemacht. Die derart Kritisierten schmähten Strauß darob als "intellektuellen Brandstifter", stellten ihn in die rechtsnationale Ecke, stießen ihn von sich - und offenbarten damit doch nur ihr eigenes Unvermögen, dialektisch zu denken. Des Dichters kühne, beharrende Antwort: neue Texte. Von satirischer Tragik. Klarsichtig. Lakonisch. Treffsicher. Ein Gesellschaftsbild wie mit dem Seziermesser herausgeschnitten aus dem Alltag.<BR><BR>Scheut die Öffentlichkeit: Schriftsteller Botho Strauß wird 60.Foto: dpa<BR><BR>

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