Der mutige Leinberger

- Er gilt heute als der bedeutendste in Altbayern tätig gewesene Bildschnitzer des späten Mittelalters: in der Zeit Dürers und des Umbruchs zur Renaissance und Reformation. Zwischen 1510 und 1525 betrieb Hans Leinberger seine Werkstatt in einem Landshuter Haus. Als eigenhändig dokumentiert sind nur etwa 30 Werke der Jahre zwischen 1513 bis 1530, doch immens war seine Wirkung.

Allenthalben in Kirchen Ober- und Niederbayerns sowie in Regensburg sind Skulpturen zu finden, die ihm selber, seinem Umkreis oder seiner Schule zugewiesen werden, seiner Werkstatt oder seinem Einfluss, seiner Nachfolge oder seiner Formensprache.

Gegen Judenverfolgung

Die Museen der Stadt Landshut haben für eine Ausstellung in der einstigen Spitalkirche Heiliggeist unter dem Titel "Um Leinberger. Schüler und Zeitgenossen" jetzt über 80 Werke zusammengeholt. Belegen sollen sie nicht nur Leinbergers früh schon zum Barock hinführende Gestaltung der Gewandfigur, seine "Faltendynamik" und seine Offenheit für italienische Einflüsse, sondern auch die Strahlkraft Landshuts nach der Blütezeit unter den Reichen Herzögen (1393-1503) und dem Krieg um die Landshuter Erbfolge (1504-1506).

Leinbergers Arbeiten für Herzog Ludwig X. sind leider nicht erhalten. Den Auftrag für sein frühes Hauptwerk erhielt er vom Kollegiatstift Moosburg: für den inzwischen mehrmals veränderten Hochaltar der Kirche St. Kastulus (1511-14). In die Ausstellung gelangten die vier Reliefs mit Szenen der Kastuluslegende. Sie wurden im Zuge der Umwandlung dieses gotischen Flügelaltars zu einer barocken Schauwand von den Innenseiten der Flügel entfernt und an den Chorwänden angebracht. Seit ihrer Befreiung von einer falschen Bemalung kommt Leinbergers Ausarbeitung der Oberflächen mit Tremoliereisen und Punzen voll zur Geltung, die Klarheit seiner Erzählhaltung, die Präzision seiner höchst realistischen Darstellungen. Viel deutlicher als in den ursprünglich ebenfalls ungefassten Schreinfiguren erweist sich Leinberger in diesen Reliefs als ein Künstler der beginnenden Renaissance.

Vielfältige Vergleiche werden angeboten. So manche Zuschreibung bleibt fraglich. Ein überlebensgroßer Christus am Kreuz aus Moosburg wird jetzt als Werkstattarbeit deklariert. Wer gesicherte Originale Leinbergers am angestammten Ort bewundern will, muss sich in Landshut in die Kirche St. Martin bemühen, wo seiner monumentalen Madonna jedoch der einstige Rosenkranz abhanden kam, zum Chorbogenkruzifixus in der Erdinger Kirche St. Johannes, zur "Schönen Maria" in St. Kassian zu Regensburg oder zur Thronenden Muttergottes vom einstigen Hochaltar der 1805 abgebrochenen Pollinger Pfarrkirche Hl. Kreuz nach Feldkirchen bei Moosburg. Bestens zur Geltung kommt in der Schau der Riemenschneider-Schüler Peter Dell d. Ä. (um 1492-1552). Während seiner Wanderjahre 1510-20 arbeitete er als Geselle bei Leinberger. Geradezu zitathafte Erinnerungen zeigen seine tiefe Prägung durch seine Landshuter Zeit.

Für Diskussionsstoff sorgt neuerdings der Historiker Heinz Dollinger. Im spätgotischen Schnitzaltar der Pfarrkirche St. Georg im württembergischen Kleinbottwar bei Steinheim an der Murr, der bisher dem Umkreis von Daniel Mauch und Jörg Lederer zugeschrieben wurde, erkannte er eine auf einem Täfelchen monogrammierte Arbeit Hans Leinbergers aus dem Jahr 1505, sein figurenreiches Erstlingswerk also. Dollinger ermittelte, dass Leinberger ein Sohn des jungen Johannes von Plieningen war, eines in Italien geschulten Humanisten und späteren Klerikers, mit einer bis dato Unbekannten. Leinbergers bisher in den Jahren 1480/85 vermutete Geburt kann damit in den Herbst 1473 zurückverlegt werden.

Als Unehelicher konnte er keiner Zunft angehören ­ als Freimeister blieb er in Landshut ohne Amt, ohne Aufträge des Freisinger Fürstbischofs Philipp oder des Münchner Herzogs Wilhelm IV. Bezeugt ist die humanistische Opposition Leinbergers und seines Onkels Dietrich von Plieningen gegen die Judenverfolgungen, insbesondere gegen das Regensburger Pogrom von 1519. Auf seinen bis nach Italien führenden Bildungsreisen hatte Leinberger den Geist einer neuen Zeit erkundet.'

Bis 11.3.2007, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, donnerstags 10-20 Uhr. Tel. 0871/9223890; Katalog 24,80 Euro.

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