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Das Leben einer Frau: Sandra Hüller als Nina Leeds mit v.l. Maximilian Simonischek, Stefan Hunstein und Marc Benjamin.

„Seltsames Intermezzo“ in den Kammerspielen: Premierenkritik

München - Ivo van Hove inszeniert Eugene O’Neills „Seltsames Intermezzo“ für die Kammerspiele. Die Premierenkritik:

Zirkus oder Zen-Garten, das ist hier die Frage: Bühnenbildner Jan Versweyveld hat jedenfalls eine sandbestreute Manege mitten in die Kammerspiele gebaut, wo die Zuschauer diesmal tatsächlich um diese kreisrunde Spielfläche herumsitzen, während die Schauspieler sich zwischen ihren Auftritten in gläsernen Garderoben gut sichtbar umziehen. Nach jedem Akt kommt dann ein Mädchen und recht den Sand, den die barfüßigen, also betont verletzlichen Akteure zerwühlt haben, sorgfältig wieder glatt.

Die Besetzung

Regie: Ivo van Hove.

Bühne und Licht: Jan Versweyveld.

Kostüme: An D’Huys.

Musik: Daniel Freitag.

Darsteller: Marc Benjamin (Sam Evans), Peter Brombacher (Professor Henry Leeds), Anna Drexler (Madeline Arnold), Stefan Hunstein (Charles Marsden), Sandra Hüller (Nina Leeds), Christian Löber (Gordon Evans), Annette Paulmann (Mrs. Amos Evans), Maximilian Simonischek (Edmund Darrell).

Aber irgendwo zwischen Daseins-Wettkampf und meditativer Entrückung ist Eugene O’Neills „Seltsames Intermezzo“ ja angesiedelt. Jenes wahrhaft seltsame und selten gespielte Stück des amerikanischen Nobelpreisträgers, das nicht weniger als die Lebensgeschichte einer Frau in epischer Breite und Länge erzählt: Nina, Tochter eines Professors für „tote Sprachen“, ist dem Wahnsinn nahe, nachdem ihr Verlobter in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs fällt. Nervlich überreizt, gibt sie als Krankenschwester im Lazarett ihren Körper exzessiv den Verwundeten hin. Es folgen schließlich Ehe, Abtreibung, Ehebruch, Mutterschaft – und das alles als leicht hysterischer Parcours durch Schuld- und Pflichtgefühle, Glück, Verzweiflung, Liebe, Hass.

Aus heutiger Sicht erscheint dieses Zwischending aus Ibsen und „Denver Clan“ als Mutter aller Seifenopern, auch weil es da von Sätzen wimmelt wie „Das Leben geht schließlich weiter, Charly“. Aber vor dem Hintergrund seines Entstehungsjahres 1923 ist es der bemerkenswerte, wenn auch ungare Versuch avantgardistischen Theaters: Womöglich von Joyce inspiriert, bringt O’Neill hier nämlich den Inneren Monolog auf die Bühne – und mischt ihn bruchlos mit den herkömmlichen Dialogpassagen. Die große Kluft zwischen dem, was die Figuren denken, und dem, was sie sagen, zwischen Empfindung und äußerer Fassade der Menschen wird so effektvoll sichtbar. Auf die herrliche Komik, die dieses Verfahren erzeugt, hat später auch Woody Allen erfolgreich gesetzt.

In den Kammerspielen lässt sich Regisseur Ivo van Hove aber allzu zögerlich darauf ein: Statt den boulevardesken Irrwitz dieser emotionalen Doppelbelichtung beherzt auszuspielen, deutet er ihn nur zaghaft an; dafür geht er meist vor dem Dokument der Dramengeschichte in die Knie und inszeniert brav werktreu ein Psychodrama, das in Seelennöten wühlt und seinen modernistischen Ambitionen zum Trotz im Pathos des traditionellen Realismus stecken bleibt.

Aber zum Glück gibt’s ja Sandra Hüller, ohne die der Abend an den Klippen der Melodramatik zerschellen würde. Mit weiblichem Vitalismus lässt sie ihre Nina in allen Lebenslagen und -altern so quirlig schillern, dass das Stück über die angestaubte Tragödie hinauswächst und plötzlich als augenzwinkernd zeitgemäßes Porträt einer starken Frau zwischen Moralvorstellungen und Lebenslust wirkt. Auch Stefan Hunstein trägt entscheidend zum Witz der Aufführung bei: Sein Onkel Charly, abwechselnd mit und ohne Schnurrbart, ist die zart-groteske Karikatur eines geschwätzigen Erfolgsschriftstellers, der von Nina zum platonisch liebenden Ersatzvater gemodelt wird, weil er sich nie traut, ihr sein handfestes Begehren zu gestehen. Wunderbar wandlungsfähig auch Marc Benjamin, der als Ninas Ehemann vom armen Würstchen zum robusten Moneymaker mutiert, nachdem er, ohne es zu wissen, zu seinem eigenen Vorteil von der Gattin und seinem besten Freund (Maximilian Simonischek) betrogen wurde.

Die Handlung

Amerika kurz nach dem Ersten Weltkrieg: Ninas Verlobter Gordon ist gefallen. Der Verlust des Geliebten stürzt die Frau in tiefe Verzweiflung. Sie heiratet den einfältigen, herzensguten Sam, treibt ohne sein Wissen sein Kind ab, als sie erfährt, dass in Sams Familie der Wahnsinn erblich ist. Um ihm das Gefühl zu nehmen, ein Versager zu sein, lässt sie sich von seinem Freund schwängern und schafft es, ihrem plötzlich kraftvoll aufblühenden Mann lebenslang zu verheimlichen, dass „sein“ Sohn nicht von ihm stammt. Am Ende wird sie selbst zur eifersüchtigen Mutter, die ihr Kind nicht an eine Schwiegertochter verlieren möchte.

Wenngleich der Abend (der, fußballbedingt um zwei Stunden vorgezogen, eher ein Nachmittag war) dank seiner Schauspieler weitgehend die Spannung hält – über vier Stunden hätte man diese allzu respektvolle Dramen-Denkmalpflege nicht ausdehnen müssen. Merkwürdig, dass an einem Haus, das doch als stilprägend gilt, immer wieder mal solche Rückfälle ins traditionelle Mitfühl- und Repräsentationstheater vorkommen. Aber zum Glück bleiben sie ja bloß ein seltsames Intermezzo. – Langanhaltender Premierenjubel.

Nächste Vorstellungen

am 30. Mai, 2., 6. Juni; Karten: 089/233 966 00.

Alexander Altmann

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