Mutter und Majestät

- Die Pfalzkapelle der Agilolfinger auf dem Berg ihrer Freisinger Burg war eine Marienkirche. Mit der Errichtung des kanonischen Bistums durch Bonifatius wurde sie 739 zum Dom. Die Altäre des romanischen Neubaus erhielten in der Barockzeit einen ganzen Zyklus von Mariengemälden. Für den Hochaltar lieferte Rubens 1625 seine Darstellung des "Apokalyptischen Weibes" (jetzt in der Alten Pinakothek; im Dom 1926 durch eine Kopie ersetzt). Der Domberg ist seit jeher ein Marienberg. Doch das ist längst nicht der einzige Grund für die Ausstellung im dortigen Diözesanmuseum: "Madonna. Das Bild der Muttergottes".

<P>Denn in den meisten katholischen Kirchen wurden seither fast nur noch historische Marienbilder aufgestellt. Da die Verehrung Mariens zu allen Zeiten über der aller übrigen Heiligen stand, gibt es sehr viele davon, jedoch wenig Neues zum Thema, bedauert Museumsdirektor Peter Steiner.<BR><BR>Zur Anregung ließ er Hyon Soo Kim in die Johanneskirche (neben dem Dom) 14 anonym erscheinende Styropor-Figuren platzieren. Dicht bei dicht sind sie mit leuchtend bunten Bändern aus koreanischer Kunstfaser umwickelt, dem Stoff der Festtagskleidung für Frauen und Kinder. Es sind 14 wegen der Zahl der Nothelfer. Gemeint ist "die alltägliche Mutter": mumienhaft eingewickelte Mütter in aller Welt, deren Individualität unterdrückt wird. </P><P>Wieder andere Mütter: Beate Passow fotografierte in Ungarn vor Kirchen bettelnde Frauen mit Babys. In der Cafeteria sind 160 Postkarten aneinander gereiht, die von der Schriftstellerin Augusta Laar individuell beschriftet wurden, jeweils mit der Bitte um eine Reaktion auf das Madonnen-Thema. Im Untergeschoss des Museums gibt es einen ganzen Raum für Bill Violas Video-Installation der Begegnung dreier Frauen. Gemeint ist - nach einem Gemälde Pontormos - der Besuch der schwangeren Maria bei ihrer Cousine Elisabeth.<BR><BR>Selbst Heinrich Kirchners hierher geholte bronzene, das Kind zeigende Madonna für die Benediktinerabtei St. Ottilien (1960) und Fritz Koenigs "Pietà`" für die Gedenkstätten-Kirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee (1962/63) gelten als "Denkanstöße": für Kirchenräume, in denen auch heute noch pflichtgemäß der Kitsch der Lourdes- und Fatima-Madonnen gepflegt wird.<BR><BR>Die historischen Teile dieser groß angelegten, wissenschaftlich fundierten Ausstellung beginnen bei den Tonfiguren sitzender, vollbrüstiger Göttinnen des Vorderen Orients aus frühesten Zeiten; bei Bildern der Fruchtbarkeit und göttlichen Majestät, den Vorbildern späterer Madonnen. Die mit dem Konzil von Ephesos 431 etablierte Vorstellung der Gottesgebärerin oder Gottesmutter erzeugte nicht nur die Ikonen der Ostkirche mit der im Freisinger Dom barock gerahmten, im 13. Jahrhundert übermalten frühen Madonna, die laut Legende vom Evangelisten Lukas gemalt wurde.<BR><BR>In den alten Liedern wird Maria als die schönste aller Frauen gepriesen. Die Barockzeit machte das zum idealen Programm. Carlo Dolci malte 1649 in Florenz eine "Lilienmadonna" mit den Blüten-Symbolen der Unschuld und des Leidens, Philippe de Champaigne in Paris um 1650 jedoch eine Muttergottes ganz ohne Beiwerk im Sinne des Bernhard von Clairvaux, der schon im 12. Jahrhundert den Lobpreis der schönen Geliebten im Hohen Lied Salomos auf Maria bezog. Ein Kupferstich nach diesem Bild des französischen Hofmalers ist beschriftet mit einem Zitat aus dieser religiösen Dichtung: "Mein Geliebter wird zwischen meinen Brüsten verweilen."</P><P>Bis 14. September; Katalog 20 Euro. Tel. 08161/ 4 87 90.<BR></P><P> </P>

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