Nur weg von Muttern

- Wer seine Sympathien verteilen möchte, hat es in dieser Oper schwer - keiner ihrer Charaktere mag so recht taugen, sich mit ihm zu identifizieren. In George Bizets "Carmen" regiert die Destruktivität: Was soll der Zuschauer halten von einer Titelheldin, die die eigene Instabilität zerstörerisch nach außen kehrt und die Menschen um sich herum als Komparsen ihrer Selbstvergewisserung missbraucht? Von einem Muttersöhnchen, dessen Erlebenswelt so kindlich-unreif geblieben ist, dass es am Ende das heiß geliebte Spielzeug lieber kaputt macht, als es an den Rivalen zu verlieren?

<P>Von lüstern-korrupten Offizieren und schmierigen Schmugglern? Unter den folkloristischen Beteuerungen der Habaneras und Seguedillas, von Zigeuner-Pathos und Stierkampf-Heldentum verbirgt sich Verunsicherndes: die Fantasie von der Möglichkeit, die eigene, geordnete Existenz infrage zu stellen, der Traum von Entfesselung und Unbedingtheit. </P><P>Viel versprechend, den Blick auf die Figur zu richten, die als einzige in der Oper sich gezwungen sieht, diesen Schritt ins Chaos zu verwirklichen, die als einzige eine tief greifende seelische Entwicklung durchlaufen muss: auf Don José.</P><P>So hatte es schon die Vorlage für das Carmen-Libretto, Prosper Mérimées gleichnamige Novelle, getan und den zum Tode Verurteilten seine Geschichte aus der Ich-Perspektive berichten lassen. Und so lässt auch Brigitte Fassbaender in ihrer Inszenierung der "Carmen" am Tiroler Landestheater in Innsbruck vor jedem Akt, bei nur einen Spalt weit geöffneten Schiebetüren, Don José´ kurze Prosa-Stücke aus dem Mérimée-Text rezitieren. Dieser Mann ist ein Träumer, vom dumpfen Machismo-Gehabe seiner Offizierskollegen setzt er sich ab, um sich ausgerechnet dem Lesen, anscheinend der ihn betreffenden Novelle, hinzugeben - ein Fremdkörper unter seinesgleichen wie später Außenseiter bei den Außenseitern. Gerade seine Andersartigkeit ist es - vielleicht auch die Sehnsucht, die hergebrachten Rituale des Geschlechterumgangs hinter sich zu lassen -, die Carmen an dem Unbeholfenen rührt. ´</P><P>Doch einmal Gelerntes zu verlernen ist schwer, und so zaubert Michelle Breedt als Carmen mit voller, klarer Stimme das sattsam bekannte Repertoire aus der Verführungskiste hervor: kokette Hüftschwünge, laszives Sich-Räkeln am Laternenpfahl, glühende Blicke. Da wird klar, dass Fassbaender nicht vollbringt, was Helfried Lauckners die Bühne bedrohlich nach hinten abschließende rostige Eisenwände oder etwa die beklemmenden Kindersoldaten in realistischer Kampfausstattung anfangs hoffen ließen: das Stück vom Ballast der 19.-Jahrhundert-Ästhetik und der Femme-fatale-Schwülstigkeit zu befreien.</P><P>Was bleibt, ist ein Bilderbogen locker aneinander gefügter Episoden, der mithilfe konventioneller Gesten seine Geschichte immerhin angenehm deutlich erzählt und auch den einen oder anderen scharfen Blick auf das Geschehen wirft: Wenn Birgitte Christensen klangschön, mit einer Spur zu viel Vibrato-Mächtigkeit das Hohelied vom ruhigen Leben bei Muttern und Gattin singt, begreift man angesichts biederen Mantels und geschmackloser Handtasche, dass Josés Emanzipation der einzig richtige Weg ist, selbst wenn sie scheitern muss. Und im hell ausgeleuchteten Schluss-Tableau wird zwischen den beiden Protagonisten gestisch und choreographisch die tödliche Melange aus Genervtheit, Ratlosigkeit und Raserei berührend Wirklichkeit.</P><P>Stimmlich keine Ausfälle: Jorge Perdigon als José neigte bei der Attacke hoher Noten zu einer Tonverengung, konnte aber, einmal oben angekommen, seinen Tenor wieder weich strömen lassen. Vladimir Chmelo steigerte seine Bariton-Wärme im Laufe des Stücks deutlich und erweckte den Escamillo zu überraschend unaggressivem Leben. Die Zartheit von Bizets Partitur war beim Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der Leitung von Georg Schmöhe gut aufgehoben: Rhythmisch exakt, orchestral transparent und ohne zu viel Rubato-Gefühligkeit musiziert, wurde ihre emotionale Unbedingtheit umso besser spürbar. <BR><BR></P>

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