Muttis und Vatis verhaltener Witz

- "Ich bin nur ein ganz normaler Exhibitionist", sagt Henning, der Mädchen- und Mütterschreck der Damentoilette vom Restaurant am Noldeplatz. Im übertragenen Sinne ist das der junge Münchner Stückeschreiber Marius von Mayenburg auch. In "Das kalte Kind" entblößt er sich, indem er seine gemachten Erfahrungen und Beobachtungen im zwischenmenschlichen Bereich dialogisch verarbeitet und auf die Bühne bringt. Besonders lustvoll ist das zwar nicht, reicht aber zu gemäßigter Unterhaltung.

<P>Jetzt wurde der 2002 an der Berliner Schaubühne uraufgeführte Text des 32-Jährigen am Bayerischen Staatsschauspiel herausgebracht. Mit der Premiere "Das kalte Kind" hat man die hoffentlich heiße Phase der Neubespielung des Marstalls eingeleitet.<BR><BR>Zwischen Realismus, Posse und schwarzem Humor</P><P>Mayenburgs Stück - 1998 konnte man sein "Feuergesicht" an den Münchner Kammerspielen sehen - erzählt keine besondere Geschichte, serviert auch nicht irgendwelche interessanten Typen. Er spitzt nur das, was er kennt und was mit ihm irgendwie jeder kennt, extrem zu bis zur Groteske. Wie auf einem Fleckerlteppich führt er die Figuren zusammen, lässt die knappen Dialoge und noch knapperen Handlungen simultan aufscheinen. Mehr als eine gelungene Fingerübung fürs dramatische Handwerk ist das nicht. Und vielleicht gerade darum für ein junges Regietalent, für das Julia Ortmann offenbar gehalten wurde, geeignet, hier seine ganze schrille Fantasie ausfetzen zu können.<BR><BR>Im konkreten Fall lief aber alles ein bisschen schief. Regisseur Florian Boesch musste rettend einspringen. Als Ergebnis zu sehen: Halbherziges. Acht achtbare Schauspieler, hin- und hergerissen zwischen Realismus, Posse und schwarzem Humor. Ein bisschen mehr "König Ubu"-haftes hätte die Inszenierung durchaus vertragen können. Eva Schuckardt und Ulrich Beseler als Mutti und Vati hätten alles Zeug dazu und weisen in ihrem witzverhaltenen Spiel schon den Weg dahin. Ebenso Beatrix Doderer und Arnd Klawitter als Silke und Werner, denen der Kinderwagen samt Inhalt nur absurder Fetisch ist.<BR><BR>Die Szenerie, entworfen für den ursprünglich vorgesehenen Spielort, das Theater im Haus der Kunst, ist in ihrer funktionalen Schlichtheit sehr schön. Aus blassrotem Grund erhebt sich ein Prisma: vielfältig nutzbar, ob als Tresen, Wohnfläche oder Flugzeug.<BR>Der Neuanfang im Marstall also ist gemacht. Zwar noch im Stil der traditionellen Guckkastenbühne, woran sich vermutlich auch bei den folgenden Premieren nichts ändern wird. Aber der Marstall ist eine wunderbare Halle und war bei seiner ursprünglichen Eröffnung 1972 als Raumbühne konzipiert. Darum darf hier 2004 schon noch anderes erwartet werden.<BR><BR></P>

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