Mystischer Zugang zum Glauben

- "Say Yes", also "Sag Ja", heißt das aktuelle Programm der Harlem Gospel Singers, und damit könnte man den Auftritt des legendären Chors im Münchner Circus Krone zusammen fassen. Nach zwei Stunden leidenschaftlicher, mitreißender und bewegender Musik bleibt einem nicht viel anderes zu sagen als Ja. Der positiven Energie dieses Ensembles kann man sich nicht entziehen. Auch wenn jeder einzelne der zehn Sänger und Sängerinnen großartig ist, liegt das vor allem an Chefin und Gospel-Legende Queen Esther Marrow, die mit ihrem natürlichen Charisma und einer einzigartig seelenvollen Stimme den Saal erleuchtet. Die unverwechselbare Mischung aus Soul, Blues und Gospel, die Esther Marrow im Laufe der Jahre perfektioniert hat, wirkt wie eine Droge - man bekommt nicht genug davon.

<P>Angetrieben wird der Chor durch eine virtuose, aber angenehm uneitle Begleitband. Natürlich haben die Harlem Gospel Singers das uramerikanische Gespür für professionelles Auftreten, aber sie faszinieren in erster Linie durch die ansteckende Begeisterung, die nie aufgesetzt wirkt.<BR><BR>Wenn sie in den Liedern aufgehen und sich dazu in einer immens wirkungsvollen Choreographie in eine Art Trance tanzen, ist das nicht einfach Show. Gospel ist geistliche Musik und in den schwarzen Gemeinden Teil des Gottesdienstes. Es ist ein mystischer Zugang zum Glauben, der hier praktiziert wird. Gesang und Tanz sind ein Mittel, sich vom Verstand zu befreien und reines Empfinden der Hingabe zu erleben.<BR><BR>Die Truppe auf der Bühne mag es mitunter irritieren, dass es im säkularisierten Mitteleuropa ziemlich lange dauert, bis sich das Publikum anschließt, aber es klappt am Ende ja doch ganz gut, auch wenn dadurch niemand gottesfürchtiger wird als zuvor. Die traditionellen Gospels mit ihren zutiefst religiösen Texten haben es dementsprechend schwer an diesem Abend. Was tadellos funktioniert, sind Variationen von Klassikern. <BR><BR>Wenn Esther Marrow "Bridge over Troubled Water" von Simon & Garfunkel als meditativen Klagegesang intoniert, hält das Auditorium geschlossen den Atem an. Und beim Tribut an Ray Charles ist echte Euphorie spürbar. Am Ende gibt es - natürlich - "Happy Day", und es ist ja wahr: Jeder Tag, an dem Esther Marrow singt, ist ein schöner Tag. </P>

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