Die Mythen der Typen

- Zwei ältere Damen auf dem Theaterstrich. Als theatralische Großmacht gingen sie jetzt in Berlin ins Rennen. Luc Bondy inszenierte mit Edith Clever und Jutta Lampe in den Hauptrollen "Die eine und die andere" von Botho Strauß: diese Mythen-gesättigte Komödie zweier Lebensfeindinnen, die ihre besten Jahre hinter sich haben; und gleichsam die verstörende Tragödie zweier Endzwanziger, die in ihrer Daseins-Verkorkstheit die Opfer einer hemmungslos egozentrischen 68er-Elterngeneration symbolisieren.

<P>Die Geschichte der Frauen Insa und Lissie, deren Kinder Elaine (sehr gut: Dörte Lyssewski) und Timm (Sebastian Rudolph) den selben Vater haben - diese Geschichte wurde vor zwei Monaten von Dieter Dorn am Münchner Residenztheater glänzend uraufgeführt. Die Inszenierung mit Cornelia Froboess als die eine und Gisela Stein als die andere strahlt jene Leichtigkeit des Seins aus, hinter deren brüchiger Fassade des Boulevardesken fatalistisch der existenzielle Abgrund lauert.</P><P>Und da dieses Stück nicht nur von der Rivalität in der Liebe erzählt - Lissie schickt sich an, zum dritten Mal Insa einen Mann wegzuschnappen -, sondern auch von der Rivalität zweier Schauspielerinnen, Protagonistinnen, war man besonders gespannt, wie nun die Zweitinszenierung am Berliner Ensemble aussehen würde. Schließlich hatte der Regisseur mit Clever und Lampe die Heroinen des einstigen, so berühmten Peter-Stein-Theaters auf die Bühne geholt: die weiblichen Schauspiel-Legenden des alten West-Berlin, die nun im Tempel des früheren Ost-Theaters, dem BE, noch einmal sich selbst zelebrieren.</P><P>Das geht teilweise gar nicht gut, denn Bondys Regie ist hier von erstaunlicher Widerstandslosigkeit. Den mythen- und symbolbefrachteten Text überlädt er mit einer mythen- und symbolbefrachteten Inszenierung. Er illustriert das Geheimnisvolle, trägt dick auf und degradiert die Heldinnen zu eindimensionalen Typen. Er lässt es zu, dass Clever und Lampe auf der Bühne zwei Figuren kreieren, die man als Zuschauer nicht "festmachen" kann, deren gemeinsame junge, wilde Jahre man sich nicht vorstellen kann.</P><P>"Jeder Zoll eine verrückte Königin." Und: "Eine alte Frau, den Kopf voller Gespenster." Es sind vor allem jene Textstellen über sie, die die Grundhaltung Edith Clevers als Insa bestimmen, wenn sie in ihrer kleinen Pension im Oderbruch auf den letzten Liebhaber wartet. Als eine späte Jungfer erscheint sie einem in ihrem altrosa Plisseerock und nicht wie eine, die nach der Wende das alternative Leben auf dem Land im Osten probte. Das bleibt alles ziemlich witzfrei. Tragikomisch ist hier höchstens Clever selbst, die ohne Distanz ins Klischee ihrer früheren Tragödinnen-Theatralik verfällt und so zum Denkmal ihrer selbst erstarrt.</P><P>Ganz anders Jutta Lampe als Männerklau: schauspielerisch zurückhaltend, nobel, verführerisch, von größter Attraktivität. In Bondys Regie aber ist sie stilisiert und letztlich dadurch reduziert auf die Darstellung des personifizierten Schicksals. Eine Göttin in Schwarz. Der strenge Engel der Liebesräuberei. Wenn sie zum ersten Mal auftritt, verfinstert sich die mit Neonröhren umrahmte Szene (schick und kühl: Karl-Ernst Herrmann). Aus dem flackernden Dunkel kristallisiert sich schließlich ein über die ganze Bühnenbreite gespanntes Faden- oder Spinnennetz heraus, aus dessen Mitte sich mit einem suggestiven "Stööööre ich?" langsam Jutta Lampe als Lissie löst.</P><P>Der nun folgende Schlagabtausch der beiden entthronten Berliner Theaterköniginnen kommt entsprechend bedeutungsschwer daher. Als könnten sie so gar nicht über sich selbst lachen. Wo sie komisch sein sollten, wo sie, "die einmal Lichtblicke waren", wie zwei abgetakelte, alte Bühnenkatzen auf dem Sofa sitzen und synchron maunzen, wo sie Selbstironie erzwingen wollen, gerät ihnen das nur zu klamottiger Koketterie.</P><P>Am Ende scheint Bondy die Lust an diesen Frauen verlassen zu haben. Die letzte Szene des Stücks, in der Botho Strauß nach allen Turbulenzen Insa und Lissie wie zwei Spiegelbilder Rücken an Rücken am Frühstückstisch sitzen lässt, fiel in Berlin dem Strich zum Opfer. Geht bei Strauß der Kampf der Rivalinnen weiter, endet er in Bondys Inszenierung mit Lissies Sieg. Den sentimentalen Schlusssatz hat nun Sohn Timm.</P>

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