"Mythos Troja": Leiden und Liebschaften

- Das hölzerne Pferd mit dem archaisch-stilisiert kleinen Kopf auf dem Münchner Königsplatz hat schon seit Wochen die Passanten neugierig gemacht. Ab morgen darf man nicht nur das Trojanische Pferd beäugen, sondern auch die Ausstellung "Mythos Troja" in den Antikensammlungen und in der Glyptothek besuchen. Das Team um Museumschef Raimund Wünsche wollte nicht die x-te Schau zu Ausgrabungen im heute türkischen Troja machen, vielmehr taucht es ganz und gar in die Kunst ein.

Es geht nicht um Historie, es geht darum, was Dichter und bildende Künstler aus einem wuchernden Sagen-Komplex um Leiden und Liebschaften machten. Die Kuratoren sind deswegen unter die Rhapsoden gegangen, denn sie müssen viele spannende Geschichten erzählen.

Kein anderes Museum außer Antikensammlungen/ Glyptothek könnte das fast vollständig aus eigenen Beständen vollbringen. Man bietet über hundert Vasenbilder auf, daneben Keramiken, einige Waffen, Steinreliefs, Bronzen, Statuen (Abgüsse) - und natürlich die weltberühmten Ägineten. Denn gekämpft wird am Königsplatz immer. Schließlich sind die Figurengruppen der beiden Giebel des Aphaiatempels auf der Insel Ägina das wunderbare Herzstück der Glyptothek. Die eine Szene berichtet von der Niederwerfung Trojas durch Herakles, die andere von dem in Homers "Ilias" beschriebenen Krieg.

Aber nicht nur Homer hat sich aus dem Sagen-Repertoire bedient, unzählige Dichter seit der Antike haben es ebenfalls getan. Und auch heute noch faszinieren die Mythen selbst Hollywood und Fernsehproduzenten. Jeder pickt aus diesen Weltmodellen das heraus, was er für seine Zeit wichtig findet. Das will die Schau zeigen, und zwar anhand der antiken Beispiele. Die bieten uns zum Teil echte Überraschungen. Denn all jene Episoden waren für die Griechen nicht nur mythisch und religiös aufgeladen, wie Wünsche referiert, sie reflektierten auch ethische Haltungen, waren "Schulbuch". So stellen die Vasenmaler immer wieder Kriegsverbrechen dar, wie wir heute sagen würden. Achill, Sohn der Göttin Thetis und größter Heros, schlägt das Kleinkind Troilos tot, schleift Hektors Leib um die Stadt und tafelt anschließend gemütlich an einem Tisch, der über dem Leichnam steht.

Es wird nicht nur edel gefochten oder liebevoll der Kamerad aus der Schlacht geborgen; das stellen die Bilder klar: Im Krieg wird vergewaltigt (Kassandra), alte Menschen werden abgeschlachtet (Priamos), oder die Soldaten hocken einfach zusammen und vertreiben sich die Zeit mit Glücksspiel. So ästhetisch ausgewogen und mit zum Teil wunderbaren Bildlösungen (perfekt komponiert und zugleich anrührend: Toter und Helfer Wange an Wange) Gräuel oder Alltag gestaltet werden, so illusionslos konstatieren alle Künstler das Böse und Gute - egal ob Homer, Sophokles, ein Vasenmaler oder Bildhauer. Und sie stellten sich die bis heute gültige Menschheitsfrage: Warum das Gemetzel? Der Mythos und die Kunstwerke in den Antikensammlungen geben folgende Erklärung: Gaia, die Erde, stöhnte unter der Last der Menschen und Helden. Sie beschwerte sich bei Götterchef Zeus. Der versuchte es mal nicht mit einer Sintflut, sondern mit Krieg. Um die Heroen aufeinander zu hetzen, benutzte er einmal seine Tochter Helena (aus einem Seitensprung mit Leda) und zum anderen Achill. Der Sohn der Thetis, die von dem Menschen-Mann Peleus vergewaltigt wurde, war der optimale "Heldenvernichter". Dann sorgte man noch dafür, dass ein Teil der Götter für die Griechen, ein Teil für die Trojaner eintraten, und schon hatte man ein Himmel-Erd-globales Schlachten.

Nach dieser Einleitung wird von der Präsentation Achill in den Mittelpunkt gerückt, dann die Vernichtung Trojas und die Heimfahrt der Überlebenden: pointiert witzig die Szene Helena mit dem betrogenen Gatten Menelaos. Er zückt das Schwert, um sie abzustechen; sie aber hebt nur den Schleier vom Gesicht - da ist er entwaffnet.

Sehr instruktiv auch die Idee der Kuratoren, die Zeitebenen des Mythos augenfällig zu machen: Die extrem reduzierte Kunst zur Zeit Homers (8. Jh. v. Chr.) kontrastiert heftig zu den "Gemälden" des 5./6. Jahrhunderts v. Chr., ganz zu schweigen von den bronzezeitlichen Originalen aus Troja; wobei Archäologen Troja I bis X unterscheiden (Troja I: ab 2900 v. Chr.).

19. Juli 2006 bis 31. Mai 2007, Tel. 089/ 28 61 00, Katalog: 24 Euro.

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