Nabil Shehata ist Kontrabassist und Dirigent. Horrmann

"La finta semplice"

Ein bisschen verrückter als andere

München - Nabil Shehata spricht mit dem Münchner Merkur über Mozarts „La finta semplice“, die am Donnerstag in der Version der Kammeroper München Premiere hat.

Wenn Nabil Shehata erzählt, wie er zur Kammeroper München (KOM) kam, dann klingt das fast genauso verworren wie die Libretti der Opern, die er als musikalischer Chef dort dirigiert. Heuer ist es „La finta semplice“ (Die vorgeblich Einfältige), die erste italienische Buffo-Oper des zwölfjährigen Wolfgang Amadeus Mozart. Selbstverständlich hat Dominik Wilgenbus wieder das Regiebuch in der Hand, und natürlich hat er wild darin herumoperiert: Zwei einfältige Edelmänner mutieren kurzerhand zu zwei alten Tanten, bleiben aber Tenor und Bass und sorgen mit ihrer Travestie für weitere Verwirrung im Liebes-Durcheinander, das auf einer Commedia von Carlo Goldoni basiert. Wie immer hat der Regisseur das italienische Original ins Deutsche geholt und gleich noch ein paar gesprochene Passagen eingefügt.

Auch der musikalische Bearbeiter, Alexander Krampe, setzt mit seinen Arrangements für eine Mini-Besetzung immer wieder gern skurrile Akzente – diesmal mit Akkordeon und Gitarre. Und was sagt der gestandene Musiker Shehata dazu? Er lacht und meint: „Das ist ja das Prinzip der Kammeroper, dass wir ein bisschen verrückter sind als andere.“ So lässt er sich darauf ein, dass kurze Dialoge die Musik unterbrechen und akzeptiert die Herausforderung, „danach die Spannung wieder aufzubauen“. Und selbst wenn er mit der Original-Partitur in der Hand zuweilen das Arrangement ein wenig „anpasst“, amüsiert es ihn, wenn das Cembalo bei den Rezitativen diesmal von der Gitarre verdrängt wird.

Wichtig ist dem Dirigenten, dass er sich auf ein festes Musiker-Ensemble, das er in den vergangenen vier Jahren aufgebaut hat, verlassen kann. 2011 beim „Diener zweier Herren“ (mit Mozart-Musik) stand er erstmals am Pult der KOM und wurde sofort zum Chefdirigenten gekürt. „Das war eine wunderbare Chance für mich, denn schließlich war ich als Dirigent ein Anfänger“, erzählt Shehata. Allerdings ein ungewöhnlicher. Denn der junge Mann mit den deutsch-ägyptischen Wurzeln hatte 2003 als Kontrabassist den ARD-Wettbewerb gewonnen, im Orchester der Berliner Staatsoper als Erster Kontrabass-Solist musiziert und sich als solcher in den Olymp der Berliner Philharmoniker gespielt. Doch die sichere Existenz im Edel-Orchester gab er 2008 auf, um sich ganz dem Dirigieren zu widmen. „Eigentlich wollte ich schon als Jugendlicher Dirigent werden. Wegen der wunderbaren Literatur – Mahler und Brahms, aber auch Puccini und Verdi. Doch weil der Kontrabass bei mir im Mittelpunkt stand, konnte ich am Klavier keine Partitur vom Blatt spielen, was damals für ein Dirigierstudium Voraussetzung war. Erst als Daniel Barenboim mich ermunterte, traute ich mich, die Seiten zu wechseln.“

Privatunterricht und Dirigierkurse folgten und fruchtbare Gespräche mit dem Ex-Chef Barenboim wie auch mit Christian Thielemann. Als kürzlich an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf ein „Don Giovanni“ mit nur einer Probe auf Shehata wartete, holte er sich wichtige handwerkliche Tipps beim Ex-Berliner-Philharmoniker-Kollegen Karlheinz Steffens, der vor Jahren schon seine Klarinette mit dem Taktstock getauscht hatte. Doch anders als dieser hat Nabil Shehata sein Instrument nicht in den Schrank gestellt. „Es gibt mir sehr viel, selbst immer noch zu spielen. Und ich denke, es nützt mir auch, wenn ich mit den Streichern im Orchester diskutiere“, verrät der Musiker, der seit 2007 als Professor für Kontrabass an der Münchner Musikhochschule lehrt.

Wenn sich im September Mitglieder der Dresdner Staatskapelle und der dortigen Philharmonie mit mehreren Chören in der Kreuzkirche zusammenfinden um musikalisch gegen Pegida zu demonstrieren, steht der 34-Jährige am Pult und dirigiert die Ouvertüre zu Mozarts „Entführung aus dem Serail“ und den vierten Satz aus Beethovens Neunter. Auch bei der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen wird Shehata in der kommenden Saison zu Gast sein. Und natürlich die Kammeroper München zu mutmaßlich weiteren Erfolgen führen.

Beim nächsten Konzert allerdings wirkt der Chefdirigent nur im Verborgenen: „Günther Groissböck singt, vom KOM-Orchester begleitet, Schuberts ,Winterreise‘. Ich studiere sie ein, aber bei der Aufführung würde ich nur stören…“

Gabriele Luster

Vorstellungen

ab 27.8. bis 20. September im Hubertussaal von Schloss Nymphenburg; Karten unter www.kammeroper-muenchen.de und Telefon 089/ 452 056 121.

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