Jehovas Zorn, der Feuerball, bezwingt Nabucco (Evez Abdulla); hier mit den eigenen Soldaten und Hebräern. Foto: Arno Declair

Premierenkritik

Nabucco: Oper-Ammergau unterm Kofel

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Oberammergau - Christian Stückl inszenierte in seinem Heimatdorf fürs Passionsspielhaus Verdis „Nabucco“ mit Profis und Laien. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Eine kleine Gemeinheit erlaubt man sich dann doch, ausgerechnet beim Hit. Sehr lange hält der Chor den Schlussakkord des „Va pensiero“, in porentief reiner Intonation. Eine Extrem-Fermate, die sofort in die nächste Nummer mündet. Verblüffung bei 3500 Premierengästen. Keine Chance zum Jubeln, auch keine – was ja südlich der Alpen gern provoziert wird – zum Da Capo. „Weida geht’s“, der Befehl, der vorher das Pausengetränk schlürfende Publikum aufscheuchte, er gilt auch hier.

Allerhöchste Zeit war das: dass Christian Stückl, der Virtuose des Bühnencinemascopes, seine (schmale) Opernerfahrung endlich auch dem Heimatdorf zugute kommen lässt. Giuseppe Verdis „Nabucco“ ist dafür, mit seinen ausgreifenden Chornummern, der sturmtreibenden Rhythmik und den ins Weite drängenden Melodiebögen, das perfekte Stück. Was mancher im normalen Opernhaus als Wachsfiguren-Regie verspottet hätte, funktioniert hier. Die Erfahrung aus dem Passionsspiel, das mit raffiniert komponierten Bildwirkungen arbeitet, lässt Stückl einfließen.

Seine Tableaus, die Verdis Konzeption ja fordert, sind schließlich anders. Weil Theaterberserker Stückl den Blick dafür hat, wie man das Geschehen balanciert, auch dafür, wie man Choristen oder Statisten bis in die hinterste Reihe klarmacht, um was es in den jeweiligen Situationen geht. Auf- und Abtritte laufen wie geschmiert. Und Stückls Bilder haben Spannung. Man schaue dazu nur (freilich nur in den vorderen Reihen möglich) den Menschen ins Gesicht – oder betrachte die hervorragenden Aufführungsfotos.

Sein Dauerausstatter Stefan Hageneier hat vor die Tempelzeile des Passionstheaters eine weitere, sandfarbene Säulenarchitektur gebaut. Mag in Nah- oder Fernost oder gar bei uns der Religionskonflikt toben – die Aufführung hütet sich vor dem billigen „Tagesschau“-Kommentar. Stückl lässt die Babylonier als moderne Wüstenkämpfer mit Maschinengewehren auf Hebräer treffen, die sich offenbar aus dem Passionsspielfundus bedient haben. Dass Nabucco und Tochter Abigaille altertümliche Tracht bevorzugen, erscheint als hintergründige Pointe: was eben so passiert, wenn Traditionalisten auf Eroberungsideen kommen. Nur verständlich, dass das Riesenhaus Pathos (und manch Geste aus dem Opernmuseum) gut verträgt, ja sogar braucht. Nabuccos erster Auftritt geschieht hoch zu Ross, später, beim Fluch, symbolisiert ein Feuerball Jehovas Zorn. Die Dunkelheit nach der Pause ermöglicht effektvolle Beleuchtungen. Abigaille tötet sich nicht selbst, sondern rennt in den gezückten Dolch des Vaters. Von der verheerenden Rolle der Religion, die Verdi auch thematisierte, hätte man gern mehr erfahren. Dafür kehren die Kinder, die zur Ouvertüre die Handlung sanft starten ließen, wieder. Es gibt also doch noch Hoffnung.

„Nabucco“ mit Laien-Choristen zu bestreiten, ist ein Risiko. Doch die Sänger, die von Markus Zwink trainiert und um ein paar Profi-Kollegen aus München und Augsburg verstärkt wurden, machen ihre Sache hervorragend, mehr noch: Sie reagieren verblüffend gut auf etwas, was Routiniers womöglich aus der Kurve getragen hätte. Dirigent Ainars Rubikis ist nämlich wild entschlossen, den überdrehtesten „Nabucco“ der Aufführungsgeschichte zu liefern. Verdis Partitur lässt er dabei heißlaufen. Das ist überrumpelnd – und doch nicht am Anschlag, ermöglicht trotzdem Raum für Eleganz in den Phrasierungen. Auch weil die Neue Philharmonie München das alles nicht in krachende Emotion übersetzt, sondern warm timbriert und immer klangschön bleibt.

Die Solisten führen Stimmen mit Verona-Format ins Feld. Irina Rindzuner versprüht als Abigaille phonstarkes Sopran-Gift, Evez Abdulla ist ein knorriger Titelheld, über dessen Phrasen sich der Wüstenstaub gelegt hat. Bálint Szabó (Zaccaria) gestaltet mit großer Autorität und singt sich immer freier. Attilio Glaser (Ismaele), besonders aber Virginie Verrez (Fenena) werten ihre Partien trotz fehlender Solo-Szenen erheblich auf. Angesichts der Dimension wird mit Mikrofonen gearbeitet. In den vorderen Reihen klingt alles trennscharf, hinten etwas verwaschen – ein Problem der Akustik. Insgesamt allerdings ist alles zu laut, das nun ist ein Problem der Tontechniker.

Jubel, Standing Ovations – mit „Nabucco“ hat sich das Dorf unterm Kofel zu Oper-Ammergau gemausert. Ein Start also in eine neue Reihe? Die Passionsspieler sollten sich das dringend überlegen. Und die Bregenzer, ob sie nicht endlich Christian Stückl für eine Seebühnen-Regie holen.

Weitere Vorstellungen

am 17., 19., 24., 26. Juli; Telefon: 08822/ 945 88 88.

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