+
Zeichenstift gegen Terror: Mit diesem starken Symbol demonstrierte ein Mann auf dem Place de la République in Paris gegen den Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“, bei dem zwölf Menschen ermordet wurden.

Die Freiheit zu lachen

Nach den Anschlägen von Paris: Was darf Satire?

  • schließen

München - Das Attentat auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, die Anschlagsdrohungen wegen der Nordkorea-Persiflage „The Interview“ oder die Anklage gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr wegen angeblicher Islam-Hetze zeigen, wie sehr die Freiheit der Kunst bedroht ist.

Haben wir jetzt ausgelacht? Für Kurt Tucholsky, der heute vor 125 Jahren geboren wurde, gab es im Januar 1919 keine Zweifel: „Was darf Satire?“, fragte er am Ende eines Artikels fürs „Berliner Tageblatt“ – „Alles“, lautete seine Antwort. Doch würde sie heute, nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“, bei dem zwölf Menschen getötet und weitere teils schwer verletzt wurden, anders ausfallen?

Hat Martin Sonneborn, Satiriker des Magazins „Titanic“ und der ZDF-„heute-show“, falsch reagiert? Er erklärte nach den Pariser Morden: „Das ist nicht komisch. Mit Anzeigen, Abokündigungen oder Kalaschnikowgeballer auf Satire zu reagieren, gilt in der Szene als unfein. Unser Mitleid gilt den französischen Kollegen. Bei ,Titanic‘ könnte so etwas nicht passieren, wir haben nur sechs Redakteure.“ Vor allem den letzten Satz muss man nicht lustig finden, und Sonneborn wurde im Internet auch heftig dafür attackiert. Doch hätte er schweigen müssen, nur weil viele Menschen seinen Humor geschmacklos finden? Nein.

Stéphane Charbonniers letzte Zeichnung: „Immer noch keine Attentate in Frankreich.“ – „Na, warten Sie mal ab...“

Das gilt auch für die letzte Karikatur von Stéphane Charbonnier, Chefredakteur von „Charlie Hebdo“, der am Mittwoch im Alter von 47 Jahren getötet wurde. Die Zeichnung zeigt einen bewaffneten bärtigen Mann. Der Titel lautet übersetzt: „Immer noch keine Attentate in Frankreich.“ Antwort des Bärtigen: „Na, warten Sie mal ab. Man hat bis Ende Januar Zeit, um die Festtagsgrüße auszurichten.“

Die Freiheit des Wortes, die Freiheit der Kunst sind Errungenschaften der Aufklärung und der Französischen Revolution. Deshalb leben wir in einem säkularisierten Europa: Keine Ideologie, keine Religion, kein Herrscher schreibt uns vor, wie wir unser Dasein zu gestalten haben. Ein Privileg, das erkämpft werden musste.

Umso bitterer, dass am Mittwoch der Angriff auf unsere offene, freie Gesellschaftsordnung in eben jener Stadt erfolgte, in der im Jahr 1789 der Funke der Freiheit entzündet wurde. „Das ist ein Anschlag auf ein Europa, das den Menschen ungeachtet ihres Geschlechts, ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung Würde, Freiheit und gleiche Rechte zuspricht – auch und zumal den Muslimen“, erklärte der deutsche Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani.

Einer der bissigsten Streiter der Aufklärung, der französische Philosoph Voltaire (1694–1778), übte unter anderem in seiner sarkastischen Erzählung „Candide“ (1759) Kritik an den politischen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit. In einem Kapitel strandet die Titelfigur in Lissabon nach dem Erdbeben von 1755 – bis heute eine der heftigsten Naturkatastrophen Europas – und stellt fest, was die „Wächter und Weisen des Landes“ (also Klerus, Herrscher, Wissenschaft) entschieden haben: „Einige Personen […] an langsamem Feuer zu braten, wäre das probateste Mittel, um allen fernerweitigen Erdbeben vorzubeugen.“ Heute nimmt niemand daran Anstoß – doch damals konnte „Candide“ nur anonym erscheinen.

„Liebe ist stärker als Hass“ – nur eine Utopie? Nicht auf diesem Titelbild von „Charlie Hebdo“, auf dem sich ein Muslim und ein Redakteur der Satirezeitschrift küssen. Das Motiv wurde am Mittwochabend von Demonstranten in Paris zur Mahnwache für die Opfer des Anschlags mitgebracht.

Schriften wie „Candide“ haben dazu beigetragen, dass im Zeitalter der Aufklärung die allmähliche Trennung von Staat und Kirche einsetzte. Wie viel der Westen dieser Entwicklung zu verdanken hat, zeigt der Blick auf den Islam: Hier hat es Vergleichbares bislang nicht gegeben. Wenn man so will, wartet die muslimische Welt noch auf ihren Voltaire. Tunesien ist ein Land, an dem sich gut beobachten lässt, welche Folgen das hat: Während der 23-jährigen Diktatur Ben Alis wären sie „Zombies“ gewesen, erzählt die Karikaturistin Nadia Khiari in der Dokumentation „Ausgelacht!“ von Olivier Malvoisin – „wir hatten einen Polizisten im Kopf“. Heute sei in ihrer Heimat, wo der Islam Staatsreligion ist, an die Stelle des politischen Tabus das religiöse getreten, berichtet Khiari und liefert die passende Karikatur: „Ich bin frei!“, jubelt ihre Figur Willis. „Ja, die Klappe zu halten!“, droht ein Bärtiger.

In Europa ist Glaube Privatsache, und über jede Religion darf gelacht werden. Freilich gab es in der Vergangenheit immer wieder Versuche, das Rad der Geschichte zurückzudrehen: Man denke an die heftige Reaktion der katholischen Kirche auf das Satirebuch „Das Leben des Jesus“ (2002) von Karikaturist Gerhard Haderer. Man denke an Edmund Stoibers Vorstoß im Jahr 2006, Gotteslästerung härter zu bestrafen. Bayerns damaliger Ministerpräsident und CSU-Chef argumentierte, die Eskalationen nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in Dänemark hätten gezeigt, wohin die Verletzung religiöser Gefühle führen könne.

Doch es wäre fatal, Freiheit einzuschränken. Denn „Satire darf alles, außer sterben“, wie es das Staatstheater Kassel nach den Pariser Anschlägen formulierte. Der Dichter Novalis (1772–1801) hat in der philosophischen Abhandlung „Blüthenstaub“ (1798) sehr richtig bemerkt: „Wo Phantasie und Urteilskraft sich berühren, entsteht Witz; wo sich Vernunft und Willkür paaren, Humor.“ Es zeichnet eine Gesellschaft aus, wenn Künstler Freiheit zur Willkür haben – auch wenn diese manchmal „geradewegs zu Respektlosigkeit, Spott und unverhohlenen Anstößigkeiten“ führt, wie der US-Journalist Robert Mankoff weiß, der beim „New Yorker“ für die Auswahl der Cartoons verantwortlich ist.

Die Arbeit von Satirikern ist ein aufklärerisches Spiel mit Klischees, Verboten, Derbheiten – und mit der Komplizenschaft ihres Publikums. In diesen Tagen ist Letztere besonders gefordert. Navid Kermani sagt: „Tun wir, was den Tätern am meisten missfällt und den Opfern am meisten entspricht: Bleiben wir frei.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Rest ist – Jubel
München - Hausregisseur Christopher Rüping glückte an den Münchner Kammerspielen eine hochkonzentrierte Inszenierung von Shakespeares „Hamlet“. Lesen Sie hier unsere …
Der Rest ist – Jubel
Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet

Kommentare