Erdogan erleidet Schwächeanfall bei Gebet

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Als Lebensprojekt bezeichnete Mariss Jansons einen neuen Konzertsaal. Vorerst bis 2018 gilt sein Vertrag beim BR-Symphonieorchester. Zieht er die Konsequenzen und wechselt zu den Berliner Philharmonikern?

Schock noch nicht überwunden

Jetzt erst recht: Konzertsaal-Freunde geben nicht auf

München - Nach der Reiter-Seehofer-Entscheidung steht fest: Die Freunde des Konzertsaals geben nicht auf – und sie haben gute Argumente dafür.

Der Schock ist längst nicht überwunden, die Wut nicht verraucht: Die Unterstützer eines neuen Münchner Konzertsaales geben nicht auf. Vor allem, weil sie eine übergroße Mehrheit hinter sich wissen. Mit Kritik, ja Häme ist die Entscheidung gegen einen weiteren Saal und für eine Gasteig-Renovierung aufgenommen worden, auch aus dem Ausland. Ein Verdacht drängt sich daher auf: Der Unterstützerkreis für diese Lösung beschränkt sich nur auf eine Handvoll Leute. An der Spitze Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), gefolgt vom Intendanten der Münchner Philharmoniker, Paul Müller, und grauen Eminenzen wie etwa Toni Schmid, dem zweiten Mann im Kunstministerium.

Offenbar wurden die Spitzen von Freistaat und Stadt mit fragwürdigen Prognosen gefüttert. Eine Stagnation der Besucherzahlen, ja ein Rückgang ist ihnen prophezeit worden, dem Vernehmen nach auch von Müller. Dem widerspricht die tatsächliche Entwicklung. So haben sich zum Beispiel die Abo-Zahlen beim BR-Symphonieorchester von knapp unter 5000 im Jahre 2003, seit dem Amtsantritt von Mariss Jansons also, auf heute rund 11 000 heraufgeschraubt. Problemlos, darauf weist das Orchester hin, könnten diese noch gesteigert werden – allein, es fehlen dafür die Kapazitäten. Zu wenige Konzerttermine im Gasteig und ein zu kleiner Herkulessaal sind schuld daran.

Ähnliches bei den Münchner Philharmonikern. Deren Zahlen liegen naturgemäß höher, bietet doch das Orchester seit jeher mehr Konzerte an. Nach 11 000 im Jahre 1985 dürfte die Abo-Zahl derzeit bei 18 000 liegen, was umso respektabler ist, haben doch viele nach der Affäre um Christian Thielemann den Philharmonikern den Rücken gekehrt. 1985 war übrigens ein Schlüsseljahr in der Statistik. Die Philharmoniker konnten damals einen deutlichen Abo-Sprung nach oben verzeichnen – es war das Eröffnungsjahr des Münchner Gasteig. Ein Beleg dafür, für welche Nachfragesteigerung ein neuer Saal sorgen kann.

Bei näherem Hinschauen hängt das Votum gegen einen weiteren Konzertsaal völlig in der Luft. Und das, weil gerade die finanziellen Konsequenzen nicht absehbar sind. Geplant ist, dass sich BR-Symphonieorchester und Philharmoniker wegen einer gemeinsamen Nutzung von Philharmonie und Herkulessaal zusammenraufen. Beide Ensembles haben in einem Gasteig-Konzert jeweils rund 1800 Abonnenten sitzen. Weil der Herkulessaal aber nur gut 1200 Plätze hat, müssten dort künftig viel mehr Abende veranstaltet werden. Mehr Orchesterdienste, mehr Saal-Buchungen, mehr Logistik, mehr Betriebskosten – eine Summe, die noch keiner kalkuliert hat.

Freistaat und Stadt gehen von einer zweijährigen Sanierungsphase aus. Eine (zu) optimistische Schätzung. Bau-Experten schlagen da noch einmal mindestens zwei Jahre drauf, weil noch gar nicht klar ist, wie und ob die Philharmonie überhaupt entkernt werden kann. Auch das also deutet hin auf erhebliche Kostensteigerungen – ebenso übrigens wie die Belegung von Ausweichspielstätten. Dazugerechnet werden müssen außerdem die Einnahme-Ausfälle beim Gasteig: Private Konzertveranstalter fallen in der Übergangsphase schließlich weg – allein Münchenmusik bucht die Philharmonie rund 80 Mal pro Jahr.

Eine ganze, sehr schwerwiegende Reihe von Unwägbarkeiten ist das, die immer wieder eine Frage provoziert: Warum nimmt der Freistaat seine 200 Millionen Euro nicht selbst in die Hand und baut einen eigenen Saal? „Ich vertraue darauf, dass sich die Fraktionen des Landtags noch genau anschauen werden, was mit den 200 Millionen Euro passieren soll“, sagt Nikolaus Pont, Manager des BR-Symphonieorchesters. „Ich glaube nicht, dass das die effektivste Art ist, diesen Betrag einzusetzen. Das wäre falsch ausgegebenes Geld, und zwar für alle Beteiligten. Es besteht eine mehr als große Chance, mit demselben Geld nicht nur die Philharmonie zu sanieren, sondern auch einen weiteren Saal zu bauen.“

Ganz fest gefügt sind die Reihen bei der CSU in dieser Sache nicht. Der Landtagsabgeordnete Markus Blume geht vorsichtig auf Distanz zum Seehofer-Reiter-Votum. Eine „große Enttäuschung“ spüre er in den Kulturkreisen der Stadt. „Für mich sieht das nach großem Kompromiss aus. Mit dem Anlauf hätte man weiter springen müssen. Ich würde mir wünschen, dass man sich die Museumsinsel als Standort noch einmal anschaut.“ Auffallend ist, dass diese Skepsis von manchen Münchner Philharmonikern geteilt wird – auch wenn keiner seinen Namen in der Zeitung lesen will. Und bemerkenswert ist, dass einige Beteiligten glauben: Trotz Pressekonferenz-Tamtam am Montag war das noch nicht das letzte Wort. Heute befasst sich der Ausschuss für Wissenschaft und Kunst im Bayerischen Landtag mit dem Thema. Auch der Münchner Stadtrat hat noch keinen Beschluss gefasst – bislang existiert schließlich nur ein vordemokratisches Agreement zweier Politiker.

Mariss Jansons, Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, hat einen neuen Konzertsaal erst unlängst als sein „Lebensprojekt“ bezeichnet. Umso enttäuschter muss der Star nun sein nach einem jahrelangen Kampf. Offenbar hat er sehr gefasst auf die Entscheidung reagiert, die ihm einige Tage zuvor im Gespräch mit Seehofer mitgeteilt wurde. Bei den drei Konzerten in der vergangenen Woche war Jansons nichts anzumerken, im Gegenteil.

Gut möglich, dass er sich Konsequenzen überlegt. Ein Junktim Vertragsverlängerung/ neuer Saal hat er zwar immer abgelehnt. Und trotzdem: Beim Bayerischen Rundfunk hat Jansons vorerst bis 2018 unterschrieben. Ein Schlüsseljahr ist das mittlerweile geworden. Zum selben Zeitpunkt wird Sir Simon Rattle die Berliner Philharmoniker verlassen. Und noch immer ist nicht klar, wer ihm nachfolgen soll.

Andris Nelsons hat abgewunken, weil er zunächst in Boston bleiben will, Yannick Nézet-Séguin hat beim Philadelphia Orchestra bis 2022 verlängert, Gustavo Dudamel drängt sich in den Augen einiger Berliner Philharmoniker zu offensiv auf, und für Christian Thielemann findet sich (noch) keine große Mehrheit, die ihm unbehelligtes Arbeiten ermöglichen könnte. Mariss Jansons, auch beim First-Class-Ensemble der deutschen Hauptstadt äußerst beliebt, käme da sehr gelegen. Vor allem aber: Berlin hat mit der Philharmonie einen wunderbaren Saal.

Markus Thiel

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