Nach Waterloo kam die Weltkarriere

- München - Jeder kann den Test machen. Kann sich in das ABBA-Musical "Mamma mia!" setzen und feststellen, dass man fast alle der 22 ABBA-Hits, die darin vorkommen, mitsummen kann - auch wenn man keine Platten der Gruppe zu Hause hat. Selbst dann, wenn man die Band nicht mochte. Und wer Ende der 70er, Anfang der 80er aufwuchs, mochte ABBA nicht. Da wurde New Wave gehört oder Punk. Aber auf gar keinen Fall ABBA. Das war Musik, die die Eltern nicht störte und die bei Jugend-Abenden der Gemeinde gespielt wurde, mithin also inakzeptabel.

<P>Als sich ABBA 1984 auflöste, war Schadenfreude angesagt. Denn die Effizienz, mit der Björn Ulvaeus, Benny Anderson, Agnetha Fältskog und Anni-Fried "Frida" Lyngstad die Welt ab 1974 mit Ohrwürmern überzogen, hatte etwas Gespenstisches. Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks lieferte das schwedische Quartett einen Hit nach dem anderen ab.<BR><BR>Begonnen hatte es vor exakt 30 Jahren, am 6. April 1974, beim Grand Prix in Brighton. Mit dem fröhlichen Popliedchen "Waterloo" bot ABBA etwas Neues bei diesem Wettbewerb und gewann. Ein historischer Moment, denn ABBA wurde der erste Grand-Prix-Sieger, der eine Weltkarriere startete. Danach gelang dies nur noch Celine Dion. Diese scheinbare Mühelosigkeit, mit der ABBA das anging und die sich auch in ihren Liedern spiegelte, machte die Schweden irgendwie suspekt.</P><P>Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks wurden Hits produziert<BR><BR>Dazu kam noch die Konstellation der Band: Zwei glückliche Pärchen haben Erfolg. Für aufrechte Rockfans aus prinzipiellen Gründen eine Zumutung. Wie kann man spießigen Familiengründern zujubeln? Deswegen also quittierte man als Teenager das Ende der Band und die privaten Probleme (sowohl Benny und Frida als auch Björn und Agnetha ließen sich scheiden) mit Häme.<BR><BR>Aber danach geschah Seltsames: Anders als vorhergesagt, verschwand die Musik nicht. Im Gegenteil, sie wurde salonfähig. Das erwähnte Musical, das die beiden ABBA-Komponisten Björn und Benny aus dem gemeinsamen Songkatalog gebastelt hatten, entwickelte sich zu einem weltweiten Sensationserfolg, der den Verkauf der alten ABBA-Platten weiter ankurbelte. Insgesamt haben die Schweden 180 Millionen Stück abgesetzt, was ABBA zur erfolgreichsten Popgruppe nach den Beatles macht.<BR>Aber am bemerkenswertesten ist, dass ABBA in Musikerkreisen Hochachtung genießt. U2-Sänger Bono, diese Ikone der Hipness, sang bei einem Konzert in Stockholm "Dancing Queen" und holte dafür Björn und Benny auf die Bühne. Ein Kniefall vor den Schöpfern federleichter Evergreens. Heute gilt man gar als Banause, wenn man ABBA immer noch nicht mag. Um der Fairness willen muss gesagt werden, dass das Werk von ABBA zu ihren aktiven Zeiten tatsächlich unterschätzt wurde. Ebenso wie es heute gerne verklärt wird.<BR><BR>Die vier ABBA-Mitglieder waren schließlich bereits hochprofessionell arbeitende, versierte Musiker, als sie sich 1972 zusammentaten. Schon ihre erste Single "People need Love" wurde in ihrer schwedischen Heimat ein Hit. Konsequent entwickelten sie diesen unverwechselbaren Klang, den jeder - egal wie er zur Musik stand - sofort wieder erkannte. Zwei Jahre später gelang ihnen damit der internationale Durchbruch. Da waren sie alle schon Väter und Mütter und nicht mehr jung genug, um durchzudrehen. Daher rührt wohl diese mysteriöse Konstanz, mit der sie Hits fabrizierten. Daneben waren sie die Ersten, die das Potenzial von Video-Clips erkannten und grundsätzlich zu jeder Single einen derartigen Kurzfilm produzierten. Clever thematisierten sie darin ihre private Situation und vermittelten den Eindruck völliger Offenheit. In Wahrheit wusste man im Grunde nichts über die vier.<BR><BR>Hinter den Kulissen knarzte es gewaltig. Das Problem waren die Sängerinnen. Die blonde Agnetha, die als Sex-Symbol der Band galt, war privat extrem schüchtern und hasste öffentliche Auftritte. Frida hingegen lebte erst auf der Bühne richtig auf und kompensierte damit ihre Unsicherheit, wie sie später gestand. Als uneheliche Tochter eines deutschen Besatzungssoldaten und einer Norwegerin litt sie unter Minderwertigkeitskomplexen, die sich zeitweise in schweren Depressionen niederschlugen. </P><P>Das blonde Sexsymbol Agnetha war privat extrem schüchtern</P><P>Die Zusammenarbeit wurde zunehmend schwieriger. Agnetha wollte daheim bei ihrer Tochter bleiben, Frida wollte auftreten und die zwei Männer hatten bald keine Lust mehr, zumal sie die jeweilige Scheidung von den beiden Damen zu verdauen hatten.<BR><BR>Nach der Trennung von ABBA blieben Benny und Björn befreundet und schrieben weiter gemeinsam Musik. Mit dem Musical "Chess" hatten sie in den 80ern großen Erfolg. Und noch heute kümmern sie sich gemeinsam um die weltweiten Wiederaufführungen des ABBA-Musicals "Mamma mia!" Die zwei Frauen forcierten hingegen Solo-Karrieren. Anfangs mit Erfolg, aber das Interesse an den Ex-ABBA-Sängerinnen ließ schnell nach. Frida engagiert sich heute in wohltätigen Vereinen, während Agnetha nach 1987 spurlos von der Bildfläche verschwand. Sie verweigerte Interviews, lehnte Plattenverträge ab und widmete sich esoterischen Hobbys wie der Astrologie. Umso überraschender ist deswegen die Nachricht, dass Agnetha nun, pünktlich zum 30. Jahrestag des Grand-Prix-Gewinns, ihr neues Album "My colouring Book" veröffentlicht. Prompt geistern Gerüchte über eine Wiedervereinigung von ABBA herum.<BR>Aber das muss, bei aller Liebe, wirklich nicht sein. <BR><BR></P>

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