"Nichts von dem, was Sie sagen, ist richtig, Frau Schausten!". Im "Berlin direkt"-Interview am Sonntagabend ließ Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel seine Gesprächspartnerin seine Gereiztheit spüren.

Gabriel gegen Schausten

Nach Zoff im ZDF: Gibt es keine Gesprächskultur mehr?   

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Berlin - Der Disput zwischen Bettina Schausten und Sigmar Gabriel wirft wieder einmal die Frage auf, ob das Gesprächsklima rauer geworden ist.

Er hat es wieder getan. Vor rund zwei Jahren war es „heute journal“-Moderatorin Marietta Slomka. Jetzt hat es Bettina Schausten, Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios, erwischt. Die Rede ist von Sigmar Gabriel, Vizekanzler, Bundeswirtschaftsminister, SPD-Chef – und in Interviews gerne auch einmal Raufbold. Am Sonntagabend sahen die Zuschauer erstaunt, wie der 56-Jährige sich bei „Berlin direkt“ mit Schausten anlegte, die wissen wollte, ob Gabriel in der Flüchtlingskrise noch an der Seite der Bundeskanzlerin stehe.

„Ich finde Ihre Frage total merkwürdig“, raunzte Gabriel, der aus Mainz zugeschaltet war, und ging die Journalistin wenige Augenblicke später frontal an: „Nichts von dem, was Sie sagen, ist richtig, Frau Schausten, entschuldigen Sie, wenn ich das in aller Klarheit sage.“ Die wollte wissen, ob die SPD und Gabriel, der abweichend von der Regierungslinie von einer Million Flüchtlingen „und mehr“ spricht, für eine Obergrenze des Zustroms von Asylbewerbern sei. Während CSU und CDU sich wie politische Feinde aufführten, werde der SPD unterstellt, die Grenzen dicht machen zu wollen, schnaubte Gabriel.

Nicht der erste Schlagabtausch

Die ZDF-Frau ließ sich nicht beirren, hakte nach („Dann darf ich Sie nochmals an meine Frage erinnern.“) und kommentierte den mehrfach wiederholten Satz des Vizekanzlers, es sei wichtig, die Situation der Menschen in den Herkunftsländern zu verbessern, mit den Worten: „Das haben wir verstanden, Herr Gabriel!“ Auch das Ende war nicht harmonisch. Schausten bedankte sich für das Gespräch und wünschte spitz „Schönen Abend noch!“, der Politiker gab ein süffisantes „Bitte, Frau Schausten!“ zurück.

Am Montag griffen viele Medien den Streit auf, der an Gabriels legendären Schlagabtausch mit Schaustens Kollegin Slomka erinnerte. Damals ging es um den SPD-Mitgliederentscheid zur Großen Koalition. Slomkas hartnäckige Nachfragen, es könne verfassungsrechtlich bedenklich sein, wenn Hunderttausende SPD-Mitglieder mehr zu sagen hätten als das Wahlvolk, bürstete Gabriel am Ende noch rüder ab als bei Schausten: „Tun Sie mir einen Gefallen – lassen Sie uns den Quatsch beenden.“

Ist das Gesprächsklima rauer geworden?

Liegt es speziell an Gabriel, der gerne mal zickt, oder ist das Klima zwischen (Fernseh-)Journalisten und Politikern rauer geworden? Für Medienwissenschaftler Jo Groebel sind Animositäten zwischen Interviewer und Interviewten nicht neu. Auch Legenden wie Herbert Wehner (SPD) oder Franz Josef Strauß (CSU) hätten Fragesteller mitunter hart angegangen oder sie gar nicht erst ernstgenommen, so Groebel im Gespräch mit unserer Zeitung. Allerdings sorgten Dispute wie die zwischen Schausten und Gabriel im Internetzeitalter für ungleich mehr Aufsehen.

Zu beobachten sei jedoch, dass Journalisten heute kritischer nachfragten als noch vor ein paar Jahren: „Die Bereitschaft, sich in Interviews und politischen Diskussionen den immer gleichen Politsprech servieren zu lassen, nimmt ab.“ Dies habe auch mit der wachsenden Konkurrenz der Medien zu tun und mit der Schnelligkeit, mit der sich Nachrichten verbreiteten: „Das Netz hat ganz klar zuspitzenden Charakter.“

Auf der anderen Seite ließen Kanzler, Minister oder Ministerpräsidenten manchmal eine „Herrscherattitüde“ spüren und empörten sich über allzu kritische Fragen, die zu beantworten sie für unter ihrer Würde hielten. Ein Imageschaden müssten sie dadurch dennoch nicht automatisch befürchten. „Gerade im Gespräch mit Bettina Schausten kam Sigmar Gabriel ja nicht wirklich unsympathisch rüber“, findet Groebel: „Dass da eine gewisse Reizbarkeit oder Gereiztheit sichtbar wird, macht einen Politiker ja auch menschlich.“ Dies gelte umgekehrt auch für den konsequent nachhakenden Journalisten.

Beim Mainzer Sender, der nach Meinung vieler Beobachter als eher „schwarz“ gilt, sieht man die Aufregung um den Disput am Tag danach ganz gelassen. Man wolle das Gespräch nicht kommentieren, sagte ein Sprecher auf Anfrage: „Das Interview steht doch für sich – mit klaren Fragen, für deren Qualität es spricht, wenn sie deutliche Antworten auslösen.“

Tim Braune, Rudolf Ogiermann

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