Nachfolge in Bayreuth: Das Töchter-Tandem

Bayreuth - Wie allgemein erwartet, hat der Stiftungsrat der Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele gestern Nachmittag Eva Wagner-Pasquier und ihre Halbschwester Katharina Wagner zu den neuen Chefinnen auf dem Grünen Hügel und damit als Nachfolgerinnen ihres Vaters Wolfgang Wagner erkoren.

Beide wollen die Einmaligkeit Bayreuths erhalten. Über ihre genaue Aufgabenverteilung an der Spitze der Festspiele müsse im Detail noch diskutiert werden, teilten sie mit.

Katharina (30) werde vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich sein, erklärte Eva Wagner-Pasquier. Sie selbst wolle sich vornehmlich um Besetzungsfragen kümmern. "Ich werde aber nicht inszenieren", sagte die 63-Jährige. Hausdirigent Christian Thielemann werde sie bei der Zusammensetzung des Orchesters beraten. "Wir gehen unsere Zusammenarbeit ohne Vorurteile an", so Wagner-Pasquier.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat die Entscheidung des Stiftungsrates ausdrücklich befürwortet. Die Entscheidung sei mit "überwältigender Mehrheit" gefallen (22:2 Enthaltungen). Neben Eva und Katharina Wagner hatte sich das Team Nike Wagner (63, Tochter von Wieland Wagner) und Opernmanager Gérard Mortier (64) mit einem eigenen Plan vorgestellt.

Die extrem kurzfristige Bewerbung eines angeblichen Wieland-Sohns wurde von dem Gremium zurückgewiesen. Man habe "nach Prüfung aller vorliegenden Konzepte eine personell wie inhaltlich tragfähige Entscheidung getroffen, die ich sehr begrüße", betonte Neumann. "Es wird jetzt darauf ankommen, das vorgelegte Konzept so umzusetzen, dass das berühmteste Opernfestival der Welt seiner Vorbildrolle als Schrittmacher und Leitstätte der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Werk Richard Wagners, seiner Tradition und seinem internationalen Ruf auch weiterhin gerecht wird." Die Bundesregierung werde "auch in Zukunft zu ihrer Verpflichtung stehen, die Bayreuther Festspiele zu fördern".

Nach dem Rat ist die Gesellschafterversammlung der Bayreuther Festspiele GmbH am Zug, die die neuen Geschäftsführer (auf wohl maximal zehn Jahre) bestellt. Bayerns Kunstminister Thomas Goppel erwartet einen "zügigen Abschluss der Vertragsgespräche". Er zeigte sich erfreut, dass mit der Eva-Katharina-Lösung der Dirigent Christian Thielemann an Bayreuth gebunden werden könne.

Die Harmonie ist hergestellt - jetzt geht's an die Arbeit. 

Chefs am Grünen Hügel

In der 132-jährigen Geschichte der Bayreuther Festspiele standen ausschließlich Mitglieder der Familie Wagner an der Spitze.

Richard Wagner: 1876 und 1882. Der Komponist (1813-1883) rief 1876 die ersten Festspiele zur Aufführung seiner Opern ins Leben.

Cosima Wagner: 1886 - 1906. Richards zweite Ehefrau Cosima (1837- 1930) übernahm die Leitung nach dem Tod ihres Mannes. Sie verstand sich als "Gralshüterin" des Erbes ihres Mannes und verhinderte jegliche Neuerung. Sie schaffte es aber, dass die Festspiele weiterexistieren konnten.

Siegfried Wagner: 1908 - 1930. Dem Sohn (1869-1930) von Richard und Cosima gelang es, nach einer Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg die Festspieltradition wieder aufzunehmen. Er sorge für eine Modernisierung.

Winifred Wagner: 1931 - 1944. Nach Siegfrieds Tod übernahm seine Witwe Winifred (1897-1980) die Leitung der Festspiele. Sie war eine enge Freundin Adolf Hitlers, der jahrelang in der Wagner-Villa Haus Wahnfried ein- und ausging. Nach Kriegsende musste Winifred die Leitung der Festspiele abgeben.

Wieland und Wolfgang Wagner: 1951 - 1966. Winifreds Söhne führten die Festspiele unter dem Begriff "Neu-Bayreuth" wieder zu internationalem Renommee. Insbesondere Wieland Wagners (1917-1966) Inszenierungen mit Lichtregie und kargen, entrümpelten Bühnenbildern sorgten für Aufsehen.

Wolfgang Wagner: 1967 - 2008. Nach dem frühen Tod seines Bruders Wieland übernahm der 1919 geborene Wolfgang Wagner die Alleinherrschaft in Bayreuth. Er selbst inszenierte konventionell, sorgte aber mit der Berufung von Regisseuren wie Götz Friedrich, Patrice Chéreau, Heiner Müller oder Christoph Schlingensief für Aufmerksamkeit.

Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner: 2008. Nach dem Rücktritt von Wolfgang Wagner, der am vergangenen Samstag 89 Jahre alt wurde, übernehmen die 63 beziehungsweise 30 Jahre alten Töchter aus seinen beiden Ehen die Festspielleitung.

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