Nachfolger für den Herrn der Pinakotheken

- Das wichtigste Amt in der bayerischen Museumslandschaft ist im kommenden Jahr neu zu besetzen. 2009 wird Reinhold Baumstark, der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, 65 Jahre alt. Kunstminister Thomas Goppel hat eine einschneidende Entscheidung zu treffen. Wo liegen die Probleme, wo die Chancen?

Wie sich das Intendanten-Karussell in München noch kürzlich drehte und jetzt feststeht (Bachler/Oper, Ku(s)ej/Staatsschauspiel, Simons/Kammerspiele), so muss sich nun das Ringelspiel für die Museumschefs in Gang setzen. Fürs Lenbachhaus bleibt noch eine Frist. Und es wäre wohl vernünftig, die Amtszeit von Helmut Friedel über die schwierige Phase des Umbaus hinaus zu verlängern. Dringlicher in der Pflicht ist hingegen der Freistaat Bayern. Seine phänomenalsten Schätze, die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit ihren 13 Zweiggalerien im ganzen Land, brauchen eine neue Direktorenpersönlichkeit. 2009 erreicht der amtierende Generaldirektor Reinhold Baumstark die Altersgrenze.

In ganz Deutschland gibt es nur noch zwei weitere derart qualitätsvolle Museums-Konglomerate wie die Staatsgemäldesammlungen: die Häuser der Staatlichen Museen zu Berlin sowie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu denen die Museen gehören, sind, wie berichtet, bereits die Würfel gefallen. Udo Kittelmann (48, zuvor Frankfurt) wird sich um die Neue Nationalgalerie und den Hamburger Bahnhof kümmern. Michael Eissenhauer (51, vorher Kassel) wird Chef der Institutionen auf der Museumsinsel und der weiteren Berliner Häuser. Peter-Klaus Schuster hatte noch beide Funktionen inne. Vom Bayern-Karussell sind diese Herren also abgesprungen. Wer immer noch darauf ist und stets für hohe, anspruchsvolle Posten genannt wird, ist Max Hollein (39). Er rückte in Frankfurt sehr publikumswirksam die Schirn und das Städel, alte und neue Kunst, ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Bei Berlin winkte er ab. München könnte für den gebürtigen Österreicher eine Verlockung sein. Allerdings ist auch die Chefstelle des Kunsthistorischen Museums in Wien heuer zu besetzen. Hier in Bayern hätte Hollein aber ein grandioses Feld zu bestellen ­ von der Alten über die Neue Pinakothek bis zur Pinakothek der Moderne. Er könnte die Neue Pinakothek aus ihrem Dornröschenschlaf wecken. Er müsste in der PDM den Mut fördern, auch mal ganz freche, frische, junge Kunst auszustellen. Er kann spannende Ausstellungen von Alten Meistern bis zur Klassischen Moderne initiieren. Er sollte dafür sorgen, dass das Museum Brandhorst nicht abdriftet und unter dem sicherlich starken Chef Armin Zweite ­ er fängt jetzt in München an ­ ein abgehobenes Eigenleben führt.

Natürlich belebt Konkurrenz das Geschäft. Aber die Gefahr besteht, dass das Brandhorst-Museum mit seinem Neuigkeiten-Bonus der PDM Besucher abspenstig macht. Und noch eine Gefahr gibt es: Die Stiftung Brandhorst hat das Geld. Aktuelle Sammlungsankäufe werden demnach hier gesteuert. Solche Fakten könnten "Stars" wie Hollein, denen von allen Seiten Avancen gemacht werden, natürlich abschrecken. Bayerische Politiker sprechen zwar gern von unserem Kulturstaat, der gesellschaftliche Identität schafft, und weichen Standortfaktoren.

Tatsache ist jedoch, dass der Staat seine Museen finanziell vernachlässigt. Der Ausstellungsetat für Staatsgemäldesammlungen sowie Graphische Sammlung und Design-Sammlung betrug 2007 480 000 Euro. Die Erwerbsmittel wurden mit 84 000 Euro beziffert.

Der "Sammelansatz" für alle (!) bayerischen Museen betrug 560 000 Euro ­ ein Witz. Die Regierung weigert sich außerdem, Staatsbürgschaften zuzusagen. Der Bund und andere Bundesländer bieten ihren Ausstellungshäusern diese Möglichkeit, um ab und zu teure internationale, spektakuläre Kassenknüller-Ausstellungen zu verwirklichen.

Muss Kunstminister Thomas Goppel also nach Persönlichkeiten Ausschau halten, die mit großer Kunst und großen Schwierigkeiten zurecht kommen? Dass sie mit Politikern jeglicher Couleur, Künstlern, Sponsoren, Sammlern, Freundesvereinen, Mäzenen und nicht zuletzt mit ihren kompetenten Teams charmant, überzeugend, liberal und anregend umgehen sollten, ist ein weiterer bedeutender Schwung im Anforderungsprofil. Fingerspitzengefühl braucht's besonders in der PDM, denn dort ist freundschaftlicher, respektvoller Umgang mit den selbstbewussten Chefs der eigenständigen Sammlungen für Architektur, Grafik und Design lebensnotwendig.

Baumstarks Stellvertreterin wäre die passgenaue Lösung für das Nachfolgeproblem, nicht nur weil sie alle hiesigen Untiefen ausgelotet hat, sondern weil sie fachlich für die heute so sehr hochgeachtete Klassische Moderne steht und gleichzeitig eine fröhliche Leidenschaft für die zeitgenössische Kunst aufbringt. Aber auch sie ist bereits über 60. Goppel muss sich folglich woanders umschauen. Einer, der einem konservativen Umfeld standhalten kann, zugleich Managerqualitäten hat und Katastrophen meistern kann, ist Martin Roth (52). Der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden vermochte seine Institutionen gestärkt aus der Not der Elbe-Flut herauszubringen.

Bemerkenswert und herausragend ist ebenfalls, was Marion Ackermann (42) im neuen Kunstmuseum Stuttgart und Klaus Albrecht Schröder (52) für die Wiener Albertina geleistet haben. Sie hauchte einem durch Querelen belasteten, fast toten Haus neues und attraktives Leben ein. Gestaltete konzeptionell einen kompletten Neubau, weiß mit den Stärken der eigenen Sammlung zu punkten und hat einen guten, unkonventionellen Riecher für aktuelle Kunst. Auch Schröder hat eine schlafende Schöne wachgeküsst, rüttelte den Traditions-Tempel auf und bot imponierende, besucherfreundliche Ausstellungen.

Goppel hat für das Spitzenamt der bayerischen Kunst durchaus eine stattliche Auswahl, die über die hier angerissene hinausgeht. Aber er muss noch ein Institut in die Nachfolge-Lösung miteinbeziehen. Das Staatsschauspiel hat den Westflügel des Hauses der Kunst verlassen. Die Ausstellungshalle im Osttrakt, die Chris Dercon leitet, wird den anderen Teil nicht übernehmen können. Überdies ist das Gebäude in einem ruinösen Zustand und muss saniert werden. Wenn man denn überlegen sollte, im Westflügel wieder Bildende Kunst zu installieren (früher war dort die Staatsgalerie moderner Kunst, heute in der PDM), dann müsste der künftige Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen miteinbezogen werden.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare